Balken01a


”Wasser und Feuer”
 

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No'ret = Geliebter, S'rey = Geliebte, Far = Vater, Mar = Mutter, Wassergras = Tang, Heuler = Robben, Zahnfisch = Orca, Wassergleiter = Manta (Rochen), Dragon (Drache) = reinrote Großechse, Raya = reingoldene Großechse, Grunzer=Keiler

Leise perlten die Töne der Harfe durch die Blätter, so klar und rein wie eine frische Quelle.

Siria hob ihren Kopf und lauschte den leisen und doch so intensiven Klängen; sie kannte die Reinheit von Goldschimmers Lied, hatte sie schon oft gehört. Doch diesmal war etwas anders... noch nie waren die Klänge der Harfe so intensiv gewesen, trugen Freude und Leid, Schmerz und Erfüllung in sich, ein Versprechen, das sich jeder Seele offenbaren wollte, die bereit und willig war, zu hören.

Verwundert sah Siria, daß offenbar keiner außer ihr dieses wundervolle Lied wahrzunehmen schien; leise legte sie ihren Beutel in ihr Nest und folgte der Weise, die durch den Äther perlte.

Folgte ihr auf einem altbekannten Weg, der sie zu der Lichtung führte, auf der noch immer die Menschenknochen bleichten.

Kurz, bevor sie das Gras betrat, bemerkte Siria, daß sie nicht allein war ... Shon und Alec saßen dort, vollkommen im Senden versunken, während Alecs Hände wie von selbst über die goldenglitzernden Saiten seiner Harfe glitten, die Töne fast sichtbare Bilder in das sanfte Abendlicht woben.

Leise, um die Beiden nicht zu stören, setzte Siria sich und schloß die Augen ... überließ sich ganz der Musik, den Gefühlen, die die sanften Töne weckten.

Leise, behutsam, stiegen Bilder und Gefühle in ihrer Seele empor, führten sie zurück, in eine andere Welt, fern und unbekannt, tausende von Jahren zurück in der Zeit ...

Eine noch junge Welt, wild und unberechenbar. Eine Gruppe hochgewachsener, feingliedriger Wesen, den Schimmer der Sterne in den angstvollen Augen spiegelnd, mühsam durch uralte Wälder fliehend.

Sie kannte dieses Bild, hatte es, wie die anderen Schattentänzer, schon oft in Loyahms Senden gesehen.

Doch jetzt sah sie dieses Bild aus einer anderen Sicht, durch die Augen eines anderen Elfen.

Fühlte seinen Kummer, als der Blick über die Gesichter der erschöpften Alten fiel; die Sorge, als dieser Blick auf einer völlig erschöpften Elfe ruhen blieb, die neben ihm ging. Weiche, braune Haare, deren sanfte Locken in den Ästen hängenblieben, ein zarter Körper, sich nur noch mühsam weiterschleppend. Die Entschlossenheit dieses Elfen, als er mit seinen Händen die zarte Elfe berührte und ihr durch seine Heilermagie wieder Kraft gab; sah ihre Dankbarkeit in den sanften, hellblauen Augen. Das Bedauern, als sein Blick wieder über die anderen Alten glitt, die Gewißheit, ihnen nicht helfen zu können, da die Menschen nahe waren.

Dann ruhte sein Blick auf einem anderen Elfen, der, so wie einige der Alten, kräftiger und wachsamer war, einen der primitiven Speere der Menschen in den Händen. Harte, grüne Augen trafen die Seinen, und Siria fühlte, wie ein Senden die Seelen dieser Beiden verband ... und plötzlich sah und fühlte sie diese Vergangenheit durch Augen und Seele des Grünäugigen.

Entschlossenheit ersetzte Kummer und Sorge. Sie sah durch diese Augen ... sah einen Alten, der fast das Ebenbild Shons war.

Im selben Moment verstand Siria ... es war die Seele dieses Alten gewesen, die sie durch die Weisen der Harfe rief; er ermöglichte es ihr, all das zu sehen, was damals geschehen war.

Sie fühlte die Besorgnis des Grünäugigen, die Menschen könnten sie einholen; seine Bitte an Xanyan, den Schwächeren zu helfen, damit sie keine Zeit verlören. Das Einverständnis des Heilers, der sich zu den übrigen Alten begab und ihren erschöpften Körpern die Kraft gab, weiterzulaufen.

Spürte die Verantwortung, die schwer in der Seele des Grünäugigen lastete, obwohl er nicht der erwählte Führer war; wie er sein Senden mit der Alten verband, die neben ihm ging, seine Frage nach einem sicheren Unterschlupf. Sah die zierliche Alte niederknien, mit ihren Händen den felsigen Boden berühren, das sanfte Leuchten ihrer Magie, als sie eins mit ihm wurde.

Fühlte die leise Zuneigung, als er der erschöpften Alten auf die Beine half, ihr das wirre goldene Haar aus dem Gesicht strich.

Ihre saphirblauen Augen, die seine Grünen trafen, als sie ihm ihren weiteren Weg beschrieb und daß dieser Weg an einer Küste endete.

An einer Küste ... wie sollten sie weiterkommen ? Keiner von ihnen war stark genug, um ein aus dem Fels oder den Bäumen geformtes Schiff zu fliegen. Auch ihre vereinten Kräfte würden nicht ausreichen.

Abwesend starrte Narrh auf den Fluß, der nahebei floß; er beobachtete Äste, die auf dem Wasser trieben; auf Einigen saßen kleinere Tiere, die zu erschöpft waren, um zu schwimmen.

Das Holz trug sie ... warum nicht ein hölzernes Schiff formen, das sie alle von diesem Land wegtrug ? Sie konnten auf dem Wasser treiben, ein neues Land ohne Menschen suchen.

Wieder verband Narrh sein Senden mit Xanyan; und Herzschläge später mit ihrem Führer. Dieser nickte und sein Senden vereinte alle, teilte ihnen seinen Entschluß mit: An der nahegelegenen Küste würden sie vereint ein Baumschiff formen, das sie alle über das Wasser, weg von den Menschen, tragen sollte. Erleichterung und Freude erfüllten die Herzen der Alten, gaben ihnen die Kraft, weiterzulaufen.

Siria konnte es fühlen, so als wäre sie selbst dortgewesen. Dann sah sie durch Narrhs Augen, wie Xanyan auf ihn zukam; spürte, wie sich ihre Seelen wieder verbanden und sie plötzlich wieder durch Xanyans Augen sah und durch seine Seele fühlte. Seine Sorge, als er die Hand auf Narrhs Schulter legte und dabei sein rotbraunes Haar streifte, ihm mit seiner Magie weitere Kraft gab. Den kurzen, aber herzlichen Dank des Kriegers, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Wald widmete.

Dann verschwammen die Eindrücke. Das nächste Bild, das Siria sah, war das große Baumschiff, das geformt worden war, und die Alten, die in das Schiff stiegen.

Sie sah durch Xanyans Augen, wie auch er in das Schiff stieg, die zierliche Elfe mit den langen, braunen Haaren und den hellblauen Augen zärtlich in seinen Armen tragend, neben ihm der harte Krieger mit den grünen Augen, die Alte mit den goldenen Haaren stützend.

Schnell wechselnde Bilder und Gefühle: Die kleiner werdende Küste, Trauer, das unbekannte Meer und dann ein Bild, das Siria nur zu gut kannte: Die fremde, entfernte Küste und der pechschwarze Himmel, der Sturm, Angst ... und die Klippen, die so vielen Alten den Tod gebracht hatten. Fühlte das Bersten des Holzes, als das Schiff auf diese Klippen geworfen wurde; die von dem Sturm aufgepeitschten Wellen, die über Xanyan zusammenschlugen. Angst um sich und die Anderen, als er durch das gischtende Wasser brach und sich an ein großes Bruchstück klammerte, die bewußtlose Riryu in seinem Arm haltend. Sein Senden und die Erleichterung, als Narrh antwortete und mit Njali zu der Planke schwamm und sie sich festklammerten.

Entsetzt sah der Heiler, wie sich die Küste mit den anderen, überlebenden Elfen, immer weiter entfernte; sein Senden erreichte sie schon nicht mehr.

*Laß es, Heiler. Du schwächst dich nur.*

Resigniert antwortete er Narrh:

*Ich weiß. Ich wünschte, ich könnte das Wasser bewegen; die Strömung zieht uns immer weiter von dieser Küste fort.*

Zorn erfaßte Xanyan, als er die Erschöpfung der anderen Alten fühlte. Narrh lächelte leise, als die schwarzen Augen des Heilers plötzlich flammten.

*Das ist gut, Heiler, bewahre dir den Zorn; er hält dich wachsam.*

Tagelang trieben die Alten in dem kräftigen Strom, immer weiter in Richtung Sonnenuntergang. Der Heilkraft Xanyans war es zu verdanken, daß sie nicht verdursteten; doch der Hunger schwächte sie immer mehr.

Aber dann tauchte eines Morgens eine Küste am Horizont auf, fremdartig, schwarz und schroff. Hilflos sahen die Elfen, wie die Strömung sie an dieser Küste vorbeitrug, stärker als je zuvor; doch plötzlich änderte der Strom die Richtung und wurde wärmer.

Als die Küste näherkam, sahen die Alten den Grund für dieses Glück: Heißflüssiges Gestein, das sich ins Meer ergoß und es erwärmte.

Fische und Pflanzen in allen Formen, die in diesem Wasser lebten; geflügelte, schlanke Echsen, die um die hoffnungschöpfenden Alten herumflogen.

Mit letzter Kraft retteten sie sich an ein abgekühltes Stück dieser Küste. Sie stillten ihren Hunger mit dem bitter schmeckenden Wassergras, das an der Steilküste wuchs und ruhten sich aus, um Kraft zu sammeln, als plötzlich ein Beben die Erde erschütterte und einer der flammenden Berge Feuer spie.

Zitternd schmiegte die braunhaarige Elfe sich an den Heiler.

*No'ret ... kannst du uns schützen ?*

Xanyan lächelte, als er antwortete:

*Ich bin Feuerformer, S'rey. Solange ich bei dir, Narrh und Njali bin, kann das Feuer euch nichts anhaben.*

Sanft umarmte er sie, als er zu Narrh sendete:

*Wohin sollen wir gehen ? Hier können wir nicht bleiben, wir brauchen Schutz, Wasser und Nahrung.*

Die unruhig schlafende Njali in seinen Armen haltend, antwortete Narrh:

*Ich weiß. Wir müssen weiter, durch diese Berge hindurch; Njali hat durch ihre Magie erfahren, daß hinter diesen Feuerbergen fruchtbares Land kommen muß.*

*Kann sie uns eine Höhle in den Fels formen und Wasser durch den Fels holen ? Wir müssen uns ausruhen und stärken.*

*Ja, das kann sie. Wir müssen einen kalten Berg finden, der dafür geeignet ist.*

Widerstrebend weckte Narrh die schlafende Elfe, und geschützt durch Xanyans Feuermagie, wanderten sie durch die rotglühenden Berge, bis sie einen erkalteten Feuerberg fanden, in den Njali eine Höhle grub; dort konnten sie geschützt schlafen, nachdem Xanyan ihre Wunden geheilt hatte.

Der Heiler lag noch lange wach, fühlte durch seine Magie das Feuer um sich herum, das flammende Blut dieser Berge, die ihren Zorn in die Nacht brüllten. Die Energie, die durch sein Blut wallte, als er seine Magie mit diesem Feuer vereinte.

Dieses Land lebte, obwohl kein Leben in diesem Feuer und den harten, scharfen Steinen wuchs. Keine Zuflucht für sie, denn wovon sollten sie leben ? Wasser konnte zwar durch den Fels kommen, den Njali geformt hatte; doch es war warm und schal, ganz anders als die frischen, kühlen Quellen der Wälder. Und es gab hier keine Grünpflanzen, auf dem scharfen, manchmal noch glühenden Fels konnte kein Grün wachsen.

Einzig das Meer wimmelte von Leben; die einzigen Tiere, die an der schroffen, steilen Küste lebten, waren die schlanken, geflügelten Echsen.

Xanyan wußte, ihre einzige Chance war, das fruchtbare Land, das hinter den Feuerbergen lag, zu erreichen, so wie Narrh es gesagt hatte.

Die bei ihm schlafende Riryu betrachtend, dachte Xanyan noch lange über ihre Möglichkeiten nach, bevor der Schlaf auch ihn übermannte.

Sie blieben einige Tage in dieser Höhle und erholten sich; doch der Hunger trieb sie schließlich dazu, sich auf den Weg zu machen. Vorsichtig führte Narrh sie durch die brennenden Felsen, immer einen Weg suchend, an dem es kein Feuer gab.

Endlich, nach Tagen, erreichten sie plötzlich das Ende der brennenden Berge und sahen auf eine Ebene, fruchtbar und grün. Riesige Herden durchquerten dieses Paradies, und in weiter Ferne sahen sie Wälder, alt, dunkel und majestätisch. Doch sie konnten noch etwas sehen: Menschen. Größer, wilder und aggressiver als die, vor denen sie auf dem alten Kontinent geflohen waren. Entsetzt sahen die vier Alten, wie die Krieger zweier Stämme gegeneinander kämpften und einander töteten, weil beide Stämme die Herde Grasfresser für sich beanspruchten, die in der Nähe graste. Sie sahen, daß weiter entfernt noch andere Menschenstämme leben mußten; die Rauchsäulen waren unverkennbar, wenn auch weit voneinander entfernt. Nur in der Nähe der Feuerberge konnten die Alten keine Menschenlager sehen; es war offensichtlich, daß diese Menschen um die Gefahr der flammenden Berge wußten.

"Narrh; laß uns zu der Höhle zurückkehren; außerhalb dieser Berge können wir nicht leben, die Menschen würden uns sofort töten."

Leise erklang Njalis Senden in ihren Seelen.

*Aber dort gibt es kein Grün, nichts wächst dort. Wie sollen wir überleben ?*

"Du weißt eine Lösung, nicht wahr ?"

"Ja, Narrh."

Xanyan lächelte. Zögernd nickte Narrh.

"Dann laßt uns zurückgehen."

Wieder zurück in ihrer Höhle, verschwand Xanyan für mehrere Tage. Als er zurückkam, erklärte er ihnen, wie sie hier leben konnten:

"So, wie die geflügelten Echsen, müssen auch wir lernen, von dem großen Wasser zu leben. Dort gibt es Fische, Heuler und Wassergrünpflanzen im Überfluß."

Skeptisch blickte Narrh ihn an.

"Wie sollen wir das tun ? Wir können nicht fliegen, so wie sie."

Xanyan lächelte.

"Doch, das können wir."

Immer noch lächelnd, sendete er. Verwundert bemerkten die anderen Elfen, daß dieses Senden sich von dem unterschied, das sie kannten. Und plötzlich hörten sie ein lautes Rauschen, wie von riesigen Schwingen.

Vorsichtig folgten sie dem Heiler vor den Eingang und erstarrten: Hoch über ihnen kreiste eine der geflügelten Echsen, doch sie war um vieles größer als die, die sie bisher gesehen hatten.

Sanft landete die gigantische Echse vor Xanyan und stubste ihn leicht mit der Schnauze. Die Alten sahen, daß diese Echse nicht nur größer war, sondern auch längere Hörner, Fänge und Klauen besaß; und sie war so groß, daß einer der Alten bequem auf ihr reiten konnte. Sie verstanden.

"Du hast diese Echse verändert, nicht wahr, Xanyan ?"

"Ja, Narrh. Ich habe ihre ganze Art verändert: Sie werden nun alle so groß und auch älter. Dafür werden sie sich langsamer vermehren, um den Kreislauf des Lebens nicht zu gefährden. Wir können auf ihnen reiten, sie werden uns jagen helfen. Die Großechsen werden uns helfen, zu überleben."

Narrh nickte. "Werden sie uns wirklich helfen ?"

Der Heiler lächelte. Mit einer Hand die Schuppen der Echse streichelnd, erkärte er ihnen, wie er zu der Seele dieses Grünen gesendet hatte; wie er erfuhr, daß auch die Echsen die grausamen Menschen fürchteten; die Dankbarkeit und Loyalität, als er ihnen Hörner, Klauen, Fänge und auch die Größe gab, um sich gegen die Menschen zu wehren. Sie würden gerne ihre Beute mit den Elfen teilen, da beide denselben Feind fürchteten. Ein besonderes Bündnis, von dem beide Seiten profitierten.

Noch ein wenig ängstlich blickten Njali und Riryu auf die riesige Großechse, als diese näherkam und sie vorsichtig mit der Schnauze anstubste. Nun leise lächelnd, streichelten die Elfinnen die riesige Echse, die nun zufrieden fauchte. Wieder sendete der Heiler, und drei andere Echsen landeten neben dem Grünen, zwei von ihnen Fische in den Fängen haltend, die sie den Elfen vor die Füße legten.

Essen ! Dankbar nahmen die Elfen die Fische und fingen an zu essen.

Narrh überlegte, nickte und sendete dann zu den Anderen:

*So sei es. Wir werden hierbleiben und uns anpassen, um zu überleben; nun sind wir Echsenreiter.*

Die anderen Alten lächelten und Njali sendete, was alle wußten und akzeptierten:

*Ja, mein Fürst.*

Von nun an lernten die Alten, so wie Xanyan, zu den Großechsen zu senden, auf ihnen zu reiten und zu jagen.

Doch nach ein einigen Tagen, als die Elfen ihre Umgebung erkundeten, geschah das Unfaßbare: Menschen griffen sie an, haßerfüllt, mit riesigen Speeren und Keulen. Entsetzt flohen die Elfen vor dieser Übermacht, sendeten verzweifelt zu den Großechsen, während Xanyans Feuermagie sie vor den Verfolgern beschützte. Einzig den treuen Tieren, die sich haßerfüllt fauchend auf die Menschen stürzten und die Alten mit ihren geschuppten Körpern schützten, war es zu verdanken, daß die Elfen nur leicht verletzt wurden und fliehen konnten. Die wütenden Schreie der sich zurückziehenden Menschen in den Ohren, flüchteten sie in ihre Höhle, in der der Heiler ihre Wunden heilte.

Der Gefahr bewußt, die die Menschen darstellten, bat Narrh Njali, ihnen Waffen aus Metall zu formen, damit sie kämpfen konnten. Und mit Riryus Hilfe, die die alten Häute der Echsen gerbte, formte Njali auch Rüstungen aus Metall und Echsenhaut, die leicht genug waren, um nicht zu behindern, aber trotzdem vor den Menschenwaffen schützten.

Und so begannen die Alten, sich zu verändern, sich diesem wilden Land anzupassen. Siria sah in rasch aufeinanderfolgenden Bildern, wie die vier Elfen lernten zu jagen und zu fischen; ihre Nahrung roh zu essen, das Blut der Beute zu trinken und auch kräftiger wurden. Daß Xanyan ihre Eckzähne verlängerte und schärfte, damit sie das rohe Fleisch besser essen konnten. Die immer wiederkehrenden Überfälle der Menschen; das Verblassen der Sanftmut und das Erwachen des Kriegers in jedem von ihnen. Wie sie die alten Gebräuche und Lieder vergaßen im täglichen Kampf ums Überleben.

Doch plötzlich wurden die Bilder, die Siria sah, wieder langsamer. Wieder sah sie durch die Augen des Heilers; wie er des Nachts zärtlich auf die schlafende Riryu in seinen Armen sah. Sein überwältigendes Bedürfnis, sie und die Anderen vor den Gefahren dieser harten Welt zu beschützen. Riryu schien seine Sorge gespürt zu haben, denn sie schlug die Augen auf und sah Xanyan an ... und Siria wurde Zeuge der Bilder und Gefühle, die die beiden Alten durchströmten, als der schönste und gleichzeitig unbarmherzigste Brauch die beiden Elfen in ihren Bann zog: Sie erkannten sich; ihre Seelen wurden eins, verschmolzen miteinander. Und Siria sah, wie die beiden Alten diesem Befehl mit Freude nachkamen, und ihr erstes Kind zeugten.

Wiederum wechselten Bilder und Gefühle, als sie in schnell aufeinanderfolgenden Bildern Riryus Schwangerschaft und die Geburt des ersten Kindes sah; wie Xanyan Narrh und Njali half, einander zu erkennen und ebenfalls ein Kind zu bekommen. Wie die Alten im Laufe der Zeit mehrere Kinder zeugten und auch diese sich erkannten und sich vermehrten. Das Vererben ihrer Magie, ihrer Fähigkeiten und ihres Aussehens an die Nachkommen, mit einer Ausnahme: Keines der Kinder hatte sowohl Xanyans Haar- als auch Augenfarbe.

Und während tausende von Jahren vergingen, veränderten die Elfen sich noch mehr: Ihre Größe verringerte sich im gleichen Maße, wie ihre Kraft und Geschicklichkeit und ihre Sinne wuchsen. Alte Echsen starben, Neue wurden geboren, angeleitet von Xanyan, der sich oft in einen großen Goldenen verwandelte.

Menschen, die die Elfen angriffen und unter Narrhs Führung zurückgeschlagen wurden. Die Notwendigkeit, die Kampfkunst und Sinne, wie auch die Magie, als Waffe zur Perfektion zu bringen, von frühester Kindheit an.

Wie sich neue Bräuche und Verhaltensweisen bildeten: Eine einzige, riesige Höhle, die in viele unterschiedlich große Schlafmulden unterteilt war, je nachdem, ob ein Paar, das sich erkannt hatte und ihr Kind oder nur ein einzelner Krieger dort wohnte.

Daß es keine Liebesgemeinschaften gab, da ein Erkennen diese nur zerstört hätte; daß man zwar seine körperlichen Bedürfnisse stillte, aber daß nur Paare, die sich erkannt hatten, zusammenlebten. Liebe existierte nur innerhalb einer Familie - und manchmal, unerkannt, innerhalb des Erkennens.

Wie Kinder, bevor sie ihren fünfzehnten Sommer erreicht hatten, von den Eltern und anderen Kriegern und Magiern an den verschiedenen Waffen und falls vorhanden, auch an der Magie ausgebildet wurden; das spätere Spezialisieren auf die Waffe, die diesem Elf am Meisten lag.

Das Prüfen von Fertigkeiten, wenn die Ausbildung mit dem fünfunddreißigsten Sommer abgeschlossen war und die rituelle Anerkennung als erwachsener Krieger. Das Ritual des Stammesnamens, der das besondere Talent des erwachsenen Elfen zeigte; das Erhalten einer Großechse, wenn eine neue Brut geschlüpft war.

Die gefährlichen Jagden, wenn die Jäger dem Stamm Nahrung besorgten: Sich bewußt der Gefahr aussetzend, um die Beute zu ehren, denn sie sahen es nur als gerecht an, eigenes Blut zu vergießen, um an Blut und Fleisch der Beute zu kommen.

Die ewige Gefahr durch Menschen, die Wachen, die Tag und Nacht über den Stamm wachten. Die Kämpfe und vielen Toten, die es auf beiden Seiten gab.

Doch dann wechselten die Bilder und Gefühle wieder, zeigten Riryu, die Xanyan anflehte, sich nicht mehr in den großen, goldenen Raya zu verwandeln; ihr Flehen, daß sie ihn nicht verlieren wollte.

Seine Sehnsucht nach der Freiheit und Stärke dieses Körpers; das Verlangen, dem der Alte schließlich erlag; wie er seinem Wirtskörper seine Heilmagie gab um sich selbst heilen zu können, unverletzbar zu sein, und auch seine Feuermagie, um mit aus seinem Maul lodernden Flammen die Menschen zu töten.

Wie er seine Seele endgültig mit der der Echse verschmolz und ihre vereinte Seele nur noch einen Wunsch kannte: Die Alten und ihre Kinder zu schützen und die Menschen, die sie aus dem Palast vertrieben hatten, zu töten. Verzerrte Bilder, wie der goldene Raya den weiten Weg über das Meer einschlug.

Sanft klangen die Bilder und Gefühle ab und Siria hörte nur noch die sanften Klänge der Harfe.

Sie wußte nun, daß all das die Erinnerungen Xanyans waren; daß der Alte ihr helfen wollte, zu verstehen.

Und plötzlich, als die Hände des Barden die Töne der Harfe wieder perlen ließen, sah Siria mit der Hilfe des Alten in eine spätere Zeit, von jemand anderem erzählt: Erschauernd erkannte sie, daß es Shon war, der Alec die Geschichte seines vergangenen Lebens erzählte.

Sie fühlte seinen Stolz, als Shon zu erzählen anfing, leise, verschwommene Gefühle und Bilder streiften Siria.

*Das Erste, an das ich mich erinnern kann, sind die stolz lächelnden Gesichter meiner Eltern, die Geborgenheit, die ich fühlte.

Die wunderbare Süße des ersten Blutes, das Mar mir gab.

Fars Lächeln, als ich zu den Waffen kroch, um mit ihnen zu spielen. Den scharfen Schmerz, als ich mich an einem Dolch schnitt und den Stolz meiner Mutter, als sie den Schnitt mit ihrem Feuer versiegelte, denn ich hatte keine Tränen vergossen.*

Siria erstarrte. Sie kannte die tiefe Narbe in seiner Handfläche, hatte sie oft berührt. Er war damals noch ein Kind gewesen ! Erschauernd lauschte sie Shons neuerlichem Senden.

*So lernte ich schon früh die Schärfe von Waffen einzuschätzen.*

Ein leises Seufzen, als dieses Bild verblaßte. Ein anderes Bild tauchte vor Sirias Augen auf, klärte sich langsam in ihrer Seele.

*Die nächste klare Erinnerung, die ich habe, ist der Morgen, an dem mein Vater mich zum ersten Mal unterwies. Es war mein achter Sommer; damals wußte ich noch nicht, daß das Training, das an diesem Morgen seinen Anfang nahm, die Grundlage meines späteren Könnens war.*

Langsam wandelten sich die Gefühle und Bilder, die auf Siria einströmten, wurden klarer und intensiver. So wie zuvor bei dem Alten, so war es auch jetzt, als würde sie alles so erleben, wie Shon es damals getan hatte. ......

Er stand am Eingang der riesigen Höhle und betrachtete Mutter Mond, wie sie langsam am Horizont versank. Bald würde das Mondkind ihr folgen. Langsam ging Shon auf das große Plateau, blickte zurück auf den Gipfel des großen Berges, in dem die Echsenreiter hausten, und auf den Himmel darüber, der sich langsam erhellte; auf die flammenden Strahlen der aufgehenden Sonne, die den Gipfel zum Brennen brachten.

Shon liebte die Dämmerung, wenn diese ersten Sonnenstrahlen sich an den Schuppen der über ihnen fliegenden Echsen brachen.

Er drehte sich wieder um und sah der zurückkehrenden Wache entgegen; die Ablösung war ihnen erst vor Kurzem entgegengegangen.

Während er zu ihnen hinsah, hörte Shon plötzlich vertraute Schritte und lächelte, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.

"Die Menschen haben sich in dieser Nacht in ihre Lager verkrochen, Far."

Reolh lächelte. Er kannte Shons gutes Gehör.

"Ich weiß. Deshalb werden wir auch heute anfangen."

Verblüfft sah Shon seinen Vater an.

"Womit, Far ?"

Diesmal wurde Reolhs Gesicht ernst.

"Ich werde dich lehren, wie man sich in diesen Bergen bewegt, lautlos ist. Ab heute beginnt deine Unterweisung."

Zufrieden sah er, wie die Verblüffung in Shons Gesicht tiefem Ernst wich. Obwohl noch jung, war er doch reif genug für das, was ihn erwartete.

Leichtfüßig lief Reolh, von seinem Sohn gefolgt, den Hang hinab, an der lächelnden Wache vorbei.

Bereits an diesem Tag konnte Shon sehen, wieso sein Vater, obwohl er keine Feuermagie besaß, den Namen Feuerläufer trug: Reolh lief auf jedem Untergrund vollkommen lautlos; er sah an der Farbe und Beschaffenheit des Steins, ob dieser noch heiß oder schon erkaltet war, tückische Unebenheiten und tödliche Fallen. Wertvolles Wissen, das er seinem Sohn in den endlosen Stunden der Unterweisung lehrte.

Stunden, in denen Ausdauer und Können des jungen Elfs wuchsen, ebenso wie Geschick und Kraft, wenn er selbst die glattesten und steilsten Wände erklomm oder durch Hänge lief, die aus den messerscharfen Rissen erkalteten Steins bestanden.

Schmerzende Lektionen, wenn er unachtsam war, aber stolz die Narben des Lernens auf seinem wachsenden Körper tragend.

Im Frühjahr von Shons fünfzehntem Sommer beobachtete Reolh seinen Sohn, der auf dem Plateau, den Sonnenaufgang betrachtend, auf ihn wartete. Er war groß geworden in diesen Jahren, ausdauernd und kräftig. Reolh nickte. Es war Zeit, diese Grundlagen zu gebrauchen.

Mit einem kurzen Senden rief er seinen Sohn zu sich, und gemeinsam gingen sie, an der Wohn- und den Vorratshöhlen vorbei, zur Waffenkammer.

Ehrfurchtsvoll blieb Shon am Eingang stehen, sog den Anblick der ungezählten Speere, Dolche, Schwerter und Klingen aller Art in sich auf, verweilte auch kurz mit dem Blick auf den noch unfertigen Rüstungen, die, ebenso wie die tödlichen Waffen, auf ausgebildete Krieger warteten.

Leiser Stolz erfüllte Reolh, als auch er seinen Blick schweifen ließ. Damals, als sein Vater ihn zum ersten Mal hierherbrachte, hatte er sich geschworen, diese Kammer mit Hilfe seiner Magie wieder zu füllen; viele Sommer waren verstrichen, bis in ihm wieder die seltene Metallformermagie erwacht war.

Er blickte Shon in die Augen, wies mit der Hand in die Kammer und sagte ruhig:

"Wähle, mein Sohn."

Shon nickte und betrat leise die Kammer. Er schritt schnell an den Rüstungen vorbei, da er ihrer noch nicht würdig war, verweilte kurz mit dem Blick auf den herrlichen Klingen der Schwerter und ging dann zu den Dolchen. Dort prüfte er, welche ihm gut in der Hand lagen und entschied sich schließlich für zwei Langdolche samt Scheiden. Dann trat er noch zu den Jagdspeeren, nahm sich zwei der Mittelgroßen und kehrte zu seinem Vater zurück.

Reolh lächelte. Eine weise Wahl. Die Dolche waren lang genug, um ihm die Grundlagen des Schwertkampfes beizubringen, aber dennoch leicht genug, um seine Muskeln nicht zu schnell zu ermüden. Auch die Speere waren eine angemessene Wahl, da Shon noch nicht seine volle Stärke und Größe erreicht hatte. Er nickte anerkennend und lief mit seinem Sohn zu einem zwischen zwei Feuerbergen verborgenen, ebenen Platz, auf dem sie üben konnten.

Von nun an änderte sich die Unterweisung Shons: War es vorher Ziel gewesen, Ausdauer, Wendigkeit und Kraft zu fördern, so lehrte er seinem Körper jetzt, geschmeidig und schnell zu werden.

Lernte von seinem Vater nach und nach das, was er seit jeher bei den Kriegern beobachtet hatte: Das langsame Führen der Klingen in fein abgestimmten Angriffs- und Abwehrbewegungen, das dem Körper alle Kraft und Geschmeidigkeit abverlangte und die Bewegungen in das Gedächtnis der Muskeln und Sehnen brannte, damit diese Bewegungen im Kampf schnell erfolgen konnten, ohne daß der Kämpfer nachdenken mußte.

Die Schönheit, die diesem Tanz innewohnte, fein abgestimmt auf den jeweiligen Krieger. Die Perfektion, wenn Shon die Bewegungen beschleunigen mußte und die Klingen seiner Dolche die der Armschienen seines Vaters trafen.

Auch den Umgang mit den Jagdspeeren lehrte Reolh seinem Sohn, überrascht, wie schnell und sicher Shon die Ziele treffen lernte.

In seinem zwanzigsten Sommer schließlich, weitete er seine Unterweisungen auf die Jagd aus, nahm Shon auf dem Rücken seines Echsenmännchens, Ngi, mit, erklärte ihm die vielen verschiedenen Arten der Wasserjagd.

Wie die Jäger selbst bei einer Zahnfisch- oder Beißerjagd im Wasser schwammen, um die Beute zu ehren: Blut um Blut.

Um Blut und Fleisch des Tieres zu erbeuten, gestand man ihm zu, auch den Jäger verletzen zu können.

Und Shon lernte. Wie man von dem Rücken der Echsen ins Wasser sprang und wieder aufstieg; Strömungen und Gezeiten, das Verhalten der Beute einzuschätzen; die Beute so zu töten, daß sie so wenig Blut wie möglich verlor, denn es war kostbare Nahrung.

Die erste große Beute, die er in seinem zweiundzwanzigsten Sommer für seinen Stamm erlegte, einen der riesigen Wassergleiter.

Das Gefühl des süßen Blutes dieser Beute, als es durch seine Adern rauschte, seine Sinne schärfte.

Die leise Trauer, die er fühlte, als er die Dolche gegen zwei Langschwerter tauschte und nun von einem der erfahrendsten Schwertkämpfer unterwiesen wurde. Aber auch die Freude, wenn er zusammen mit seiner Mutter die von ihr geerbte Feuermagie zu beherrschen lernte.

So wuchs sein Können mit der Kraft, Ausdauer und Größe seines Körpers.

Und wie jeder seines Volkes zählte er nicht mehr die Menschen, die er im Laufe seiner Ausbildung tötete, um sein Volk zu schützen. Menschen, für die er einen ebensolchen Haß empfand, wie sie für seinesgleichen.

Tiefsten, gerechten Haß, denn er kannte die Greueltaten, die diese riesigen Bestien an den Elfen verübten, hatte sie im Senden der Krieger und auch selbst gesehen. Die offensichtliche Freude, mit der die Fünffinger ihre Opfer quälten, oftmals mit Waffen, die sie den toten Elfen abnahmen, ebenso wie sie Elfenhaare als Trophäe und Beweis ihres Mutes behielten.

Haß und Zorn, die ihn stärkten, wenn er gegen sie kämpfte, die Zufriedenheit, die ihn erfüllte, wenn er Menschen tötete.

Stolz trug er die Narben dieser Kampfwunden, so wie jeder seines Volkes; bedeuteten sie doch, die Menschen, die sie verursacht hatten, für sein Volk getötet zu haben.

......

Als er nach einem dieser Kämpfe seine frischen Wunden mit seiner Feuermagie versiegelte, kam auch eine der Kriegerinnen zu ihm.

"Shon ?"

"Ja, Leve ?"

"Dieser Riß ist nicht groß genug, um einen Heiler zu belästigen. Hilf mir bitte."

Shon nickte, hob ihre braunen Haare von der verletzten Schulter und schloß die Wunde mit seiner Magie.

Ihrer beider Sinne noch immer vom Kampf aufgepeitscht, fühlten sie das Begehren, das beide durchströmte. Leve lächelte und flüsterte ihm ins Ohr: "Komm."

Leise gingen sie zu ihrer Schlafmulde, nahmen sich die Waffen ab. Ein neues Feuer brannte durch seine Adern, als er die Kriegerin in seine Arme nahm, ihren Körper an seinen Muskeln spürte. Leidenschaft beherrschte beide, als sich ihre Lippen trafen und wieder trennten, ihre Hände einander berührten. Ihr Erschauern, als er in ihren heißen Schoß eindrang, der Geruch seines Blutes, als sie ihn in die Schulter biß; er ließ sich fallen, reagierte nur noch, so wie auch sie. Reine Leidenschaft, die beide zur Erfüllung brachte. Die sanften Wellen der Lust, die beide noch spürten, als er sich von ihr löste und sich neben sie legte.

Shon betrachtete lange die Kriegerin in seinen Armen, liebkoste sie mit seinen Händen und Lippen.

*Danke, Leve.*

Sie lächelte, als sie antwortete.

*Ich habe dich schon lange begehrt.*

Sie zog seinen Kopf zu sich herab und kostete noch einmal den Atem von seinen Lippen, bevor er aufstand, sich anzog und in die Schlafmulde seiner Eltern zurückkehrte.

Diesen Tag lag Shon noch lange wach, während er seine schlafenden Eltern betrachtete.

Viele trafen sich, um die Bedürfnisse ihrer Körper zu stillen, und gingen danach getrennte Wege. Einzig Paare, die sich erkannt hatten, blieben zusammen.

Er nickte. So war es seit der Zeit der Alten gewesen, und es war gut so. Narrh, der Fürst der Echsenreiter, hatte es den jungen Elfen erklärt: Das Erkennen war überlebensnotwendig, da es nur dadurch Kinder gab. Leidenschaft währte kurz, konnte auf diese Weise gestillt werden, ohne den Lebensablauf zu beeinträchtigen.

Auch wenn es manchmal unerklärlicherweise geschah, so wie bei seinen Eltern, daß die Gefühle von Gefährten stärker waren, als es das Erkennen ermöglichte.

In der nachfolgenden Zeit teilte Shon noch oft seine Leidenschaft mit Leve, bis beide gesättigt waren. Auch andere Elfinnen lagen mit ihm in den Fellen, während die letzten Sommer seiner Ausbildung verstrichen, nach einem Kampf oder einer anstrengenden Jagd.

......

Als ihn bei einem dieser Kämpfe ein Menschenspeer streifte, war die Wunde zu tief, um sie selbst zu versorgen. Also stoppte Shon nur die Blutung und ging zu einer Heilerin, um sie versorgen zu lassen.

Geduldig wartete er, bis sie die Krieger und jungen Elfen, die vor ihm warteten, versorgt hatte.

"Heilerin ?"

Erschöpft sah sie auf den Elf, der vor ihr stand.

"Ein Menschenspeer hat mich gestreift."

Deri nickte. Der Speer hatte Blutgefäße und einen Muskel durchtrennt. Sie bedeutete Shon, sich zu setzen, und zögernd gehorchte er. Bisher hatte er noch nie die Hilfe eines Heilers gebraucht.

Vorsichtig legte die Heilerin ihre Hände auf seine Wunde und ließ ihre Kräfte fließen, das Gewebe heilen. Shon erstarrte. Er fühlte, wie sie ihm half; ein Gefühl, das dem ähnelte, wenn Blut floß, nur ohne Schmerzen, wohltuend.

Als sich die Wunde schloß, nur eine Narbe hinterlassend, brach sie erschöpft zusammen. Shon fing sie auf und hielt sie vorsichtig; er wußte, wie kräftezehrend Magie war, und sie hatte heute viele heilen müssen, denn der Kampf war hart gewesen.

"Deri ?"

Ein leises Seufzen, als sie langsam die Augen aufschlug.

"Ich bin nur müde."

Sie blickte in seine Augen und sah die Besorgnis darin. Sanft streiften ihre Finger seine Wange, als sie ihre Hand in seinen Nacken legte und ihn zu sich herunterzog.

*Deri ... du bist erschöpft.*

Sie konnte seine Erregung spüren, als seine Zähne ihren Hals streiften.

*Es gibt auch sanftere Wege, seinen Hunger zu stillen, Shon. Ich werde sie dir zeigen.*

In dieser und den folgenden Nächten lernte Shon, was Zärtlichkeit bedeutet; wie sehr sie sich von der Leidenschaft unterschied und ihr doch so glich. Erfahrungen, die er den Elfinnen, die später sein Lager teilten, lehren würde.

......

Überwältigt von all diesen Eindrücken, fühlte Siria, wie die Bilder und Gefühle, die sie sah und spürte, unklar wurden, sich überlagerten.

Sie sah Shon bei der Jagd, seine Ausbildung, im Kampf gegen Menschen. Fühlte seine tiefe Verbundenheit zu seinen Eltern, die Leidenschaft, wenn er bei einer Elfin lag, Zorn und Haß, wenn er Menschen tötete. Seinen Beschützerinstinkt, der wuchs, je älter Shon wurde.

Dann wurden die Bilder wieder klarer, verlangsamten sich, als Shon seinen fünfunddreißigsten Sommer erlebte, den Letzten seiner Ausbildung. Ein besonderes Jahr, da er in diesem Sommer der Einzige war, der die Kriegerweihe bekam; und auch, weil in diesem Jahr ein Echsenjunges schlüpfen würde.

Narrh hatte beschlossen, Shons Weihe auf den Tag des Schlüpfens zu legen, den die Heiler zuverlässig bestimmen würden; Shons Prüfungen würden schon früher stattfinden.

Keiner zweifelte an seinem Bestehen, denn alle kannten sein Talent; und so geschah es auch. Er bewies sein Geschick in der Jagd, indem er einen Zahnfisch tötete; sein Können im Schwertkampf, als er Rid, seinen Lehrer, schlug.

Einige Tage nach dem Bestehen seiner Prüfungen verkündeten die Heiler, daß das Junge am nächsten Morgen schlüpfen würde; also wurde auch Shons Weihe auf diesen Tag gelegt.

Als seine Eltern sahen, wie unruhig Shon in dieser Nacht schlief, lächelten sie; beide konnten sich noch an die Nacht vor ihrer Weihe erinnern, auch wenn es für Xanji über zweitausend Jahre zurücklag, nicht nur sechsunddreißig wie bei Reolh. Einander zärtlich in den Armen haltend, genossen sie die letzte Nacht, in der ihr Sohn bei ihnen schlafen würde.

Am nächsten Morgen, als Shon aufwachte, war er immer noch so unruhig wie in der Nacht zuvor, obwohl er wußte, daß es jedem Echsenreiter so ging, der die Weihe erhalten sollte; denn durch sie wurde man zum Krieger, zu einem vollen Mitglied des Stammes.

Wehmütig lächelnd, gab Xanji ihm sein neues Gewand, das, dem Brauch entsprechend, aus seiner besten Jagdbeute gefertigt worden war: Eine Hose und Schuhe aus schwarzem Zahnfischleder, eine Weste aus weißem Zahnfischleder und Armschoner aus scharzweißem Wassergleiterleder, an den Außennähten mit Beißerzähnen verziert. Bewundernd strich Shon über das robuste Leder, das so weich wie Elfenhaar war; seine Mutter hatte ihrem Namen, Zahnfischgerberin, alle Ehre bewiesen.

Langsam zog er sich an; nun trat Reolh vor und übergab Shon zwei vollkommene Langschwerter, deren Spitzen rautenförmig zuliefen, samt ihren Rückenscheiden.

Ehrfurchtsvoll schwang Shon sie probeweise; sie waren perfekt für ihn ausgewogen. Er schob die Klingen zurück in ihre Scheiden, legte sie um und sagte:

"Sie sollen N're und Ho'l heißen, Far."

Reolh nickte; gute Namen für gute Schwerter, so wie es Brauch war.

Beide umarmten sich und lösten sich schweigend voneinander. Dann drehte Shon sich wieder zu seiner Mutter um und nahm den Zahnfischzahn aus ihren Händen, umarmte sie heftig.

Als er sich von ihr löste, sah er in ihrem Augenwinkel eine Träne glitzern. Er lächelte Xanji zu und ging dann mit ihr und Reolh zu Narrh, ihrem Fürst, und ihrem Volk, das geduldig in der Bruthöhle wartete.

Leise trat Shon vor Narrh, sprach die Worte, die bei der Weihe gesprochen wurden:

"Narrh, mein Fürst; ich weihe mein Leben dem Schutz meines Volkes, der Elfen."

Leise und doch für alle hörbar, sprach Narrh die Antwort:

"So weihe dich mit deinem Blut, Krieger."

Und Shon nickte, hob den Zahnfischzahn, riß sich damit seine linke Wange bis zum Ohr auf, ließ das Blut auf den Zahn tropfen und hob ihn hoch, damit alle es sehen konnten.

Deri, die Heilerin, trat leise vor und heilte seine Wunde, ließ aber die lange Narbe stehen, die zeigte, daß Shon ein Krieger war. Danach ließ sie durch ihre Heilermagie das Blut und den Zahn eins werden, unangreifbar für die Zeit. Nachdem sie wieder zurückgetreten war, sah Shon Narrh an und sagte leise:

"Mein Fürst; gebt mir meinen Namen."

Und im selben Moment hörten alle, wie die Schalen des Echseneis brachen; verblüfft blickte Shon zu Narrh, sah sein Nicken, und ging zu dem berstenden Ei.

Sanft löste er die Schalen und half der kleinen Echse, sich aus dem Ei zu lösen. Vollkommen überrascht sah Shon, so wie auch die anderen Echsenreiter, daß dieses Weibchen reinfarbig war; ihre Schuppen leuchteten in feurigen Rottönen.

Lächelnd sah Narrh, wie sich die junge Echse an Shon schmiegte und rief:

"Deine Großechse ist ein Dragon ... deshalb sei dein Name Shon RoterDrache."

Lächelnd übergab Shon sein Echsenjunges der Echsenmutter und folgte, nunmehr ein Krieger, dem Felsformer in die Wohnhöhle, in der dieser ihm eine eigene Schlafmulde schuf.

Zitternd fühlte Siria diese Bilder verblassen. Sie hatte immer angenommen, die Narbe auf seiner Wange käme von einem Kampf. Sie verletzen sich selbst, nur um vollwertige Krieger zu sein !

Sie hatte den scharfen Schmerz gespürt, den Shon empfand; aber auch seinen Stolz und die vollkommene Gleichgültigkeit diesem Schmerz gegenüber, so wie jedem körperlichen Schmerz. Ein Volk, das Schmerzen hinnahm, weil sie zu ihrem Leben gehörten.

Leise erklangen die Saiten der Harfe unter Alecs Händen, die auch in völliger Dunkelheit, wie sie jetzt herrschte, niemals danebengriffen.

Langsam beruhigte Siria sich, öffnete sich den besänftigenden Gefühlen, die der Alte ihr sandte.

Sie erinnerte sich, als sie auf Shon gewartet hatte und zufällig den Beutel, in dem dieses Gewand und der Zahn lagen, gesehen hatte. Bewundernd hatte sie über das schwarze und weiße Leder gestrichen; noch niemals hatte sie so ein Leder, und vor allem so weiches, gesehen. Auch die Armschoner hatte sie fasziniert betrachtet: Das Leder war von Natur aus zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß; rau aber nicht scharf an der farbigen Oberseite, wie besonders harte Fischschuppen. Die angsteinflößenden Zähne, mit der die Außennähte verziert worden waren.

Damals hatte sie sich grfragt, wofür Shon wohl dieses Gewand getragen hatte; oder überhaupt.

Und dann war ihr Blick auf den großen Zahn gefallen, der inmitten der Kleidung lag. Der Zahn mußte einem wahren Ungeheuer gehört haben; und verwundert sah sie, daß er mit einer uralten, eingetrockneten, bräunlichen Flüssigkeit bedeckt war. Damals hatte sie gedacht, es wäre Dreck gewesen, und hatte versucht, ihn abzukratzen; genau in dem Moment, als Shon hereingekommen war. Er hatte ihr damals den Zahn aus den Händen gerissen, ihn zusammen mit dem Gewand wieder in den Beutel gepackt und ihr einen solch zornigen Blick zugeworfen, daß ihr jedes Widerwort in der Kehle steckengeblieben war.

Sie hatten beide nie mehr ein Wort darüber gewechselt, und Siria wußte nun auch, warum.

Sie hätte es damals nicht verstanden; verstand es auch jetzt nicht, konnte es aber akzeptieren. Dieses Ritual war grausam und blutig, aber es gehörte zu seinem Volk. So wie die Zeichen zu den Schattentänzern gehörten.

Gefühle des Alten streiften sie, sanft wie die Klänge der Harfe. Verständnis, liebevolle Anerkennung und die Bitte, Shon weiter zuzuhören.

Siria nickte, öffnete wieder ihre Seele. Fühlte, wie die Bilder ineinanderglitten.

Jahre, die rasch an ihr vorbeiflossen; sie sah, wie Shon seine Echsin anlernte, wie sie wuchs und seine tiefe Verbundenheit mit ihr. Die wenigen, aber tiefen Freundschaften, die sich entwickelten, die Elfinnen, mit denen er sein Lager teilte; wie er sich, genauso wie der ganze Stamm, über jedes Erkennen und jede Geburt freute, ebenso wie Wut und Zorn für jeden Elfen, der von Menschen getötet wurde.

Die Menschen ... Siria sah durch Shon Dinge, von denen sie nie gedacht hatte, daß sie möglich seien. Nicht einmal der grausamste der Barbaren kam im Entferntesten an die Rohheit und Brutalität dieser Wilden heran. Die offensichtliche Freude, mit der sie die Elfen mit deren eigenen Waffen töteten, den schon wahnhaften Haß, mit dem sie die Feuergeister sahen. Wie sehr sich doch die Menschen, die sie kannte, von diesen Bestien unterschieden. Erst jetzt konnte sie begreifen, weshalb Shon sie nicht verstand. Er konnte einfach nicht glauben, daß es auch Menschen gab, die friedlich waren.

Nun war Siria froh, daß auch sie einige, kleine Geheimnisse vor Shon hatte, den Menschen zum Beispiel, den sie vor langer Zeit vor dem Keiler gerettet hatte. Sie fühlte das sanfte Drängen des Alten und nickte; sie würde es ihm sagen, aber der Zeitpunkt mußte besser sein; einen solchen Streit, wie sie das letzte Mal hatten, wollte sie nicht.

Die Bilder wurden wieder klarer, intensiver. Sie fühlte, wie Shons Feuermagie wuchs, erwachte; wie stark sie war und den Stolz des Alten deswegen. Wie Shon seinen Vater bat, seine Schwerter zu verändern: Daß sie nicht schmelzen würden, egal, wie heiß er seine Flammen lodern ließ. Und Reolh kam dieser Bitte nach, veränderte sie ebenso, wie er die Dolche Xanjis und auch seine Armklingen immun gegen Feuer gemacht hatte.

Diese Bitte hatte seinen Grund gehabt, und er flößte Siria Furcht ein: Sie erinnerte sich noch daran, wie Shons Armklingen geflammt hatten, als er sie vor den Menschen gerettet hatte. Doch nun, als sie in Shons Erinnerung sah, wie er mit den Menschen kämpfte, erkannte sie erst die wahre Bedeutung dieser Veränderung: In flammende Lohen gehüllt, verlängerten die Schwerter Shons Hände, führten seine Flammen, die nun selbst zu wabernden Klingen wurden, die zusammen mit dem Metall durch Fleisch und Knochen schnitten.

Und plötzlich wußte sie, wohin diese Bilder führen würden. Angstvoll wappnete sie sich, um diese Bilder verkraften zu können, fühlte die erneute Bitte Xanyans, Shon zuzuhören, ihm zu vertrauen.

Wieder verlangsamten sich die Bilder, wurden klarer. Sie sah Shon, wie er, ohne seine Rüstung, nur mit seiner Hose bekleidet, den Speerköcher auf dem Rücken eines großen goldschwarzen Drachen befestigte, wie er sich, zusammen mit anderen Kriegern und Kriegerinnen scherzend, auf eine Zahnfischjagd vorbereitete. Den warmen Gruß seiner Eltern, den er ebenso herzlich erwiderte, als sie mit den Anderen zur Nachtwache aufbrachen.

Fühlte seine dunkle Vorahnung, als er, nach einem Blick auf den finsteren, mondlosen Himmel, seine Eltern noch durch ein Senden bat, vorsichtig zu sein. Das ungute Gefühl, das Shon während der erfolgreichen Jagd begleitete und auch in der Wohnhöhle nicht nachließ.

Wie er Narrh fragte, ob er die Wache verstärken sollte und dessen Weigerung, weil dieser sah, wie erschöpft Shon war.

Sie sah, wie Shon unruhig in seiner Rüstung schlief, die Schwerter in Reichweite. Und sein grimmiges Entsetzen, als er und die anderen Krieger durch die gesendeten Hilferufe der Wache geweckt wurden.

Wie er seine Schwerter zog und den Anderen vorauslief, schneller als je zuvor. Ein Gedanke beherrschte ihn, trieb ihn voran: Er mußte ihnen helfen, sie vor der Übermacht der Menschen schützen. Jeder Ruf, der versiegte, schürte seine Wut, seinen Zorn; als er schließlich am Rand des Plateaus ankam, an dem gekämpft worden war, erstarrte er: Überall lagen die grausam verstümmelten Leichen der Elfen, ihrer Waffen und Haare beraubt, die die brüllenden Menschen in den Händen hielten.

Nur schwach konnte er den Schein von Xanjis Flammen auf ihren und Reolhs Waffen sehen, ihr Senden hören. Beide waren sie schwer verletzt, trotzig Widerstand leistend an eine Felswand lehnend. Sein verzweifelter Ruf, den seine Eltern mit dem letzten Gruß beantworteten: Sie teilten mit ihm ihre Seelennamen.

Der Schmerz, den Shon herausschrie, der sich in maßlosen, brodelnden Zorn wandelte, seine Seele überlutete wie glutflüssiges Gestein. Das Entsetzen in den Gesichtern der Menschen, als sie sich von der leichten Beute wegdrehten und den flammenden Tod sahen, der aus Shons Händen über die langen Klingen waberte.

Wie alle Schranken in Shons von Zorn erfüllten Seele fielen wie Staub und die Flammen hervorbrachen, aller Kontrolle befreit; eine Wand aus lodernden Klingen, die seine Schwerter leiteten. Nur noch reagierend, tötete Shon jeden der mordgierigen Schlächter.

Als er schließlich erschöpft zusammenbrach, erkannte er das Ausmaß seiner Tat: Als der Zorn seine Seele überflutete, hatte er sein Senden nicht mit dem seiner Eltern verbunden, so daß sie seinen Flammen ungeschützt ausgeliefert waren. Die Feuermagie seiner Mutter war zu schwach gewesen, sie und seinen Vater zu schützen.

Entsetzt lief Shon zu seinen Eltern, warf seine Klingen zu Boden, kniete sich hin und hielt die toten Körper seiner Eltern in den Armen. Fühlte, wie Schmerz und Schuld heiße Tränen aus seinen Augen fließen ließen.

Behutsam legte er seine Eltern wieder zu Boden, spürte ihre Seelen, wie sie tröstend um ihn schwebten. Sanft nahm er die unversehrten Waffen Reolhs und Xanjis und legte sie an; dann nahm er seine Schwerter auf, sah sie lange an und sagte dann leise:

"Von nun an werdet ihr die Namen meiner Schuld tragen: Ho'l, der Zerstörer und N're, der blutige Tod."

Sorgsam ließ er sie in die Scheiden gleiten, nahm sie ab und schwor den Seelen seiner Eltern, von nun an immer wachsam zu sein und sein Volk um jeden Preis zu beschützen; niemals wieder sollten seine Wut oder sein Zorn einen Elfen in Gefahr bringen, seine Magie einen Elfen verletzen.

Und die Waffen seiner Eltern sollten ihn immer an diesen Schwur erinnern, so wie die Seinen an seine Schuld.

Schweigend wartete er, bis auch die anderen Krieger kamen, sendete Narrh und den Anderen, was geschehen war.

Fühlte ihrer aller Trauer und ihr Verständnis, sah, wie viele ihrer Wut und ihrem Zorn an den Menschenleichen freien Lauf ließen. Fast ein Drittel des Stammes war gestorben in dieser Nacht; viele hatten Gefährten, Kind oder Elternteil verloren.

Nach dieser Nacht bestimmte Narrh, daß die Wachen verdoppelt wurden; auch die Drachen sollten helfen, am Himmel fliegend nach Fünffingern Ausschau halten.

Vielen fiel auf, daß Shon seit dieser Nacht seine Magie nur noch bei Gefahr voll nutzte, aber sie respektierten seine Entscheidung. Nur Riryu, seine Urgroßmutter, fühlte, daß da mehr war.

Eines Nachts, als die anderen Elfen schliefen, bat sie ihn zu sich in ihre große Schlafmulde. Lange betrachtete sie den jungen Krieger, der sich vor ihr niedergelassen hatte.

Dann lächelte sie leise, ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten und sendete:

**Du gleichst ihm so sehr ... einzig deine Größe und Kraft unterscheiden sich von Seiner.**

Verwirrt sah Shon den Schmerz in Riryus Augen.

**Was meinst du, Ahne ?**

**Du bist wie mein Gefährte, Xanyan, dein Urgroßvater. Du hast nicht nur seine Haar- und Augenfarbe, sondern auch seine Feuermagie und seine Gefühle geerbt. So wie auch er, stellst du den Schutz des Stammes über alles, fühlst jeden Tod, als ob es dein Eigener wäre. Beide tragt ihr eine Schuld, die zu groß ist.**

Langsam senkte Shon den Blick, umarmte seine Ahne.

**Ich weiß; aber ich kann nicht vergessen, daß es meine Schuld war; daß ich meine Eltern tötete.**

**Und noch weniger kannst du dir vergeben. Xanyan hat sich oft in einen goldenen Raya verwandelt, um diese Schuld zu vergessen. Eine Versuchung, die ihn mir nahm, in jeder Hinsicht: Seinen Körper, als er sich verwandelte und wegflog; seine Seele, als er starb, denn durch die Verschmelzung kann er nicht zu mir oder unserer alten Heimstatt gelangen.**

Shon hielt Riryu noch lange in dieser Nacht, fühlte ihr Leid, so wie sie seines fühlte.

Er dachte oft in den wenigen ruhigen Momenten an das, was sie ihm erzählt hatte. Sein Leben lief weiter, ebenso wie das des Stammes. Es gab neues Erkennen, weitere Kinder; langsam erholte sich der Stamm.

Shons Echsenweibchen wuchs heran, erreichte ihre Geschlechtsreife; paarte sich mit Einem der älteren, rotgoldenen Echsenmännchen, und legte ihr einziges Ei in die Bruthöhle, die durch unter dem Fels fließendem, glutflüssigen Gestein heiß gehalten wurde.

Lächelnd erinnerte sich Shon an den Tag, als seine L'ar geschlüpft war; er würde auch dieses Junge zur Unterweisung bekommen, da es noch immer mehr Echsen als Krieger gab.

L'ars Unterweisung war schon längst abgeschlossen, inzwischen hatte sie auch die Größe erreicht, daß er auf ihrem Rücken reiten konnte. Sie war ein wenig größer, als andere Echsen in ihrem Alter, trug sogar schon seinen Speerköcher. Wenn ihr Junges schlüpfte, wäre sie auch stark genug, dieses zu tragen.

In den Nächten, in denen Shon wachlag, dachte er darüber nach; eines Nachts schließlich, fragte er Riryu, ob er mit ihr reden dürfte.

Verwundert bat sie ihn zu sich, und als er bei ihr war und sich niedergelassen hatte, sendete er:

**Ahne; glaubst du, daß Xanyans Seele mir helfen könnte ?**

Verblüfft betrachtete sie den jungen Krieger.

**Ja, das glaube ich. Aber der Weg ist weit, und ich weiß nicht, wo seine Seele jetzt ist; nur, daß er glücklich ist, das kann ich fühlen.**

Shon nickte. In dieser Nacht erzählte Riryu ihm alles, was sie wußte und fühlte, und langsam formte sich ein Plan in Shons Seele.

Die Sommer vergingen; das Erkennen ließ neues Leben entstehen, auch Xanjis Schwester Kambre gebar einen Sohn. Shon übernahm seine Unterweisung, als Ra'jid sieben Sommer zählte, da dessen Vater bei einem Kampf getötet wurde, als der Junge seinen zweiten Sommer sah; als Kambre bei einer Beißerjagd zwei Sommer nach dem Beginn von Ra'jids Unterweisung ums Leben kam, nahm Shon seinen Cousin auf Riryus Bitte hin als Ziehbruder an und bildete ihn bis zu dessen Weihe aus.

Die tiefe Freundschaft, die sich während dieser Zeit zwischen den Beiden bildete, verband die Kampfgefährten auch nach Ra'jids Weihe.

Als es schließlich soweit war und L'ars Junges schlüpfte, sahen sich die Elfen einem Wunder gegenüber: Noch niemals zuvor hatte eine reinfarbige Echse ein reinfarbiges Junges in derselben Farbe bekommen. Z'ais Schuppen leuchteten in denselben feurigen Rottönen wie die seiner Mutter, lediglich an seinen goldenen Augen konnte man sehen, daß das Echsenmännchen, das ihn gezeugt hatte, rotgolden gemischt gewesen war.

Shon wartete, bis das Junge das Frühjahr seines zweiten Sommers sah, groß genug war, um kleine Strecken selbst zu fliegen, bevor er sich heimlich von Riryu und Ra'jid verabschiedete. Dann schnürte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen, lud sie mit seinen Waffen auf L'ars Rücken und flog über das große Wasser, auf dem die Alten damals getrieben waren und das Xanyan als Großechse überquert hatte.

Wohl wissend, daß L'ars Kraft nicht an die des goldenen Raya heranreichte, schwamm Shon oft, um sie zu entlasten.

Und doch konnte das treue Tier ihn nur an die Küste des Kontinents tragen, auf dem die Schattentänzer lebten, bevor sie an der gewaltigen Anstrengung starb.

Trauer übermannte Shon, als er die große Echsin betrachtete. Sich der Gefahr durch die Menschen, deren Lagerfeuer er in der Ferne sah, bewußt, begrub er sie nur notdürftig unter Steinen und Erde, bevor er mit Z'ai in den Wald lief.

Der Wald ... erst jetzt konnte er die Sehnsucht in Riryus Senden verstehen; die dunklen, alten Bäume sprachen die Tiefen seiner Seele an, weckten Gefühle, Sehnsüchte, die er nie zuvor gekannt hatte.

In seinem Geburtsland gab es nur das Brüllen der Berge oder vollkommene Stille; hier im Wald war es ruhig, aber niemals still.

Verblüfft bemerkte Shon, daß er seine Reflexe, die Erfahrungen, die er besaß, auch hier nutzen konnte: Es gab keinen Unterschied zwischen einem lockeren Kiesel oder einem trockenem Ast oder Blatt. Ebenso wie sich lockeres Erdreich kaum von Schotterebenen unterschied, oder ein Felsspalt von einer Schlucht. Selbst das Klettern war einfacher, boten die Bäume durch ihre Rinde doch mehr Halt als glatter Fels.

Um stets Wasser und Fisch für sich und Z'ai in der Nähe zu haben, folgte Shon dem großen Strom flußaufwärts, der ins Meer mündete; er lernte schnell, die Geräusche der ungefährlichen Insekten und Vögel von denen der größeren Tiere zu unterscheiden; so wie er lernte, welches der großen Tiere Beute oder Jäger war. Seine Verblüffung, als er ihr warmes, dunkelrotes Blut trank, das so viel nahrhafter war als das, das er von den Fischen oder Heulern her kannte, ebenso wie das dunkle Fleisch.

So verstrichen die Tage, während er dem schmäler werdenden Fluß folgte. Eines Morgens jedoch, gerade als Shon einen großen Fisch mit Z'ai teilte, hörte er plötzlich eine leise, sanfte Melodie.

Völlig unbekannte Töne, die ihn lockten; und er folgte ihnen, vom Fluß weg, tiefer in den Wald. Leise lief er voran, den immer deutlicher werdenden Klängen entgegen; Z'ai, dem das Vorankommen immer schwerer fiel, befehlend, ihm über den Bäumen fliegend zu folgen.

Plötzlich, zunächst leise, dann klarer werdend, verwoben sich die Töne mit einer Elfenstimme, die beruhigende Bilder aus längst vergangenen Zeiten wob.

Vorsichtig näherte Shon sich dieser Stimme, spähte mißtrauisch auf eine Lichtung - und erstarrte.

Er sah einen Elf, auf einer Wurzel sitzend, mit geschlossenen Augen singend. Und in seinen Händen hielt er ein Instrument, das aus dem golden schimmernden Horn eines Raya gefertigt war, bespannt mit dessen golden glitzernden Sehnen.

Wütend betrat er die Lichtung und ging zu dem Sänger. Dieser hörte sanft zu singen und zu spielen auf, hob seinen Kopf, sah Shon aus warmleuchtenden, graugrünen Augen an und lächelte.

*Sei gegrüßt, Krieger.*

Da er in diesem Senden nur Freundlichkeit und Interesse spürte, legte sich Shons Wut ein wenig, als er fragte:

*Weißt du, worauf du hier spielst ?!"

Verwunderung spiegelte sich in der Antwort des Sängers. *Natürlich weiß ich das. Mein Ziehvater hat diese Harfe aus dem Horn und den Sehnen einer riesigen, goldenen Echse gefertigt. Es war der letzte Wunsch der sterbenden Echse, damit seine Seele darin ruhen konnte.*

Erstaunt fühlte und sah Alec Entsetzen und Hoffnung, die Einander abwechselten, in Shons Gesicht und Seele, als der Krieger niederkniete, vorsichtig mit seinen Händen die Harfe berührte, seine Augen schloß und sendete. Eine besondere Art des Sendens, das dem glich, mit dem die Wolfsreiter ihre Wölfe riefen.

Alec spürte, wie sich die Wut des Elfen völlig legte, einer tiefen Freude wich. Als Shon schließlich nach einer langen Zeit die Augen öffnete und die Hände von der Harfe nahm, lächelte er den Sänger an.

*Verzeih mein Mißtrauen; nun weiß ich, daß ich dir vertrauen kann.*

*Woher ?*

*Die Seele meines Urgroßvaters hat es mir gesagt.*

*Die Seele deines Urgroßvaters ?*

Neugierig blickte Alec den Krieger an, der aufstand und nochmals sendete. Verwundert sah er, wie vor dessen Füßen eine geflügelte, rotgeschuppte Echse landete.

*Ja. Es ist die Seele des Alten Xanyan, der sich in eine goldene Echse, einen Raya, verwandelte und auch seine Seele mit ihm verschmolz. Er verließ das Land, auf dem unser Volk lebt, und seine Seele ruht nun in diesem Horn. Wegen ihm habe auch ich mein Volk verlassen, wegen der Hilfe, die er mir geben kann ... oder du.*

*Du brauchst meine Hilfe ?*

*Ja. Xanyan sagte, daß du die Fähigkeit hast, Wunden der Seele zu finden und zu heilen.*

Alec nickte ernst.

*Ja, das kann ich. Aber es braucht seine Zeit und es wird uns viel Kraft kosten. Es ist besser, wenn du mit mir zu meinem neuen Stamm kommst und dort bleibst.*

*Ein neuer Stamm ...*

Alec hörte die Sehnsucht, die in Shons Senden lag. Er lächelte leise und sagte dann:

"Ich heiße Alec Singvogel. Ich bin Sänger und Geschichtenerzähler."

Shon nickte und antwortete:

"Mein Name ist Shon RoterDrache. Ich bin ein Krieger und Jäger. Und das ist meine Großechse, Z'ai."

Ein leichtes Grinsen zeigte sich auf seinen Zügen, als er auf Alecs Schwerter sah und fragte:

"Kannst du damit umgehen oder sind sie nur Zierde ?"

Der Sänger lächelte und erwiderte:

"Natürlich kann ich damit umgehen. Ich kämpfe nur nicht gern."

Noch immer leicht grinsend, nahm Shon sein Gepäck auf und folgte Alec, der die Harfe sorgsam in ihrer Hülle trug.

Hörte, wie laut die Schritte des Sängers waren und fragte sich, ob auch die anderen Elfen so wie dieser waren. Doch dann erinnerte er sich wieder an die Bilder und Gefühle des Alten; daß er Alec vertrauen konnte, keinen treueren Freund finden könnte.

Leise, fast geräuschlos, folgte er Alec, sendete zu Z'ai, damit dieser wieder über den Wipfeln flog.

Er hörte die Schattentänzer schon lange, bevor er sie sah. Bis auf einige Wenige, die zumeist auf den bepelzten Räubern ritten, denen er schon mehrfach begegnet war, und sich so leise wie ihre Reittiere bewegten, verhielten sich die Anderen, als ob es keinerlei Gefahr gäbe.

Viele sahen ihm neugierig nach, als er Alec zu einem besonders alten, in der Mitte der Lichtung wachsenden Baum folgte. Dort verbeugte der Sänger sich leicht vor einer jungen Elfe, die trotz ihrer Jugend die Führerin des Stammes sein mußte, das erkannte Shon an dem Respekt, der ihr von Allen entgegengebracht wurde.

Ihr und einem großen, sehr alten Elfen, der Alec ein wenig mißtrauisch und ihn mit einer verblüfften Neugier betrachtete, die aber bald hinter einem nachdenklichen Blick verschwand, als ob er sich an Etwas lang vergessenes langsam wieder erinnerte. Kein Alter, das konnte Shon fühlen, aber vielleicht ein Erstgeborener. Dann sprach ihn die junge Elfe an, und er wandte ihr seine volle Aufmerksamkeit zu.

Sie fragte ihn, woher er käme, und er sendete ihr, daß er auf einem anderen Kontinent, in einem anderen Stamm aufgewachsen war, der vor langer Zeit von vier Alten gegründet wurde, die dorthin getrieben worden waren. Daß er sie verlassen hatte und nun bei einem anderen Stamm neu anfangen wollte. Daß er Krieger, Jäger und Feuerentfacher war und seinen Schutz und sein Können gern dem Stamm geben wolle. Das Aufkeuchen des Stammes, als er seine Echse rief und auch für ihn um Aufnahme bat.

Wie er und Alec schweigend zusammen mit dem Stamm auf die Entscheidung ihres Häuptlings und der Ältesten warteten, Shon schließlich aufgenommen wurde.

Doch plötzlich hallten ihrer aller Seelen von einem offenen Hilferuf wider, der von einer Elfin gesendet wurde. Fassungslos sah Shon zu, wie die Elfen für seine Begriffe viel zu langsam einen Rettungstrupp zusammenstellten. Leise sendend befahl er Z'ai, auf sein Gepäck aufzupassen und lief, verächtlich zischend, in die Richtung, aus der der Hilferuf gekommen war. Wie um ihn zu leiten, hörte Shon erneut den Ruf und beschleunigte seine Schritte.

Bald konnte er den Grund für den Ruf hören, Menschen. Und die Schmerzensschreie einer Elfin.

Zorn und Haß erwachten lodernd in ihm, als er leise die Lichtung betrat, die Menschen sah, die eine sich verzweifelt wehrende Elfe schlugen. Ohne es zu merken, hatte er bei diesem Anblick angefangen, zu fauchen. Die Menschen, die es hörten und sich verwundert nach der vermeintlichen Echse umdrehten, erstarrten. Als einige von ihnen leicht ihre Waffen hoben, wurde sein Fauchen lauter, und er öffnete seine Seele für seine Magie, ließ sie aus seinen Händen über die Klingen spielen. Verband sein Senden mit dem der jungen Elfe, um sie vor dem Feuer zu schützen.

Entsetzt keuchten die Menschen auf und schossen ihre Pfeile auf ihn. Shon spürte das Brennen, als einige dieser Pfeile ihn streiften, und stürzte sich auf die Menschen, wich ihren plump geführten, primitiven Speeren aus und grub seine Klingen in weiches Fleisch. Sah, wie langsam diese Menschen waren, welch leichte Beute.

Er fühlte durch das verbundene Senden den verzweifelten Mut der Elfe, und plötzlich furchtbare Angst. Entsetzt sah Shon, wie einer der Menschen, die sie hielten, seine Keule auf ihren Kopf niederschmetterte, fühlte ihren Schmerz.

Brüllend vor Wut, ließ er seinem Feuer freien Lauf, verbrannte die Menschen, die noch lebten. Dann lief er zu der Elfin, hob sie sanft auf, löste sein Senden von dem ihren. Sie lebte, aber die Wunde an ihrem Kopf war tief, hätte tödlich sein können.

Sie schützend in seinen Armen haltend, lief Shon zurück in den Hain, wo er Erleichterung und Dankbarkeit auf den Gesichtern der Schattentänzer las. Wütend rief er die Heilerin und übergab ihr und einer Anderen die verletzte Elfin, wischte die Sorge der Heilerin um seine Wunden beiseite. Als die anderen Elfen ihn mit Fragen bedrängten, wandte er sich nur verärgert ab und suchte Alec, fragte ihn nach einem Ort, wo er sich das Blut abwaschen konnte. Er war erleichtert, als der Sänger nur nickte und ihn zum Bach brachte.

Shon sah Alec zu, wie dieser sich auf einen Stein in seiner Nähe setzte und zog seine Rüstung und die Klingen aus. Er fühlte Alecs Besorgnis, als der Sänger ihm sendete:

*Du bist verletzt, Shon. Du solltest dich auch heilen lassen.*

Shon betrachtete die Kratzer, die die Pfeile gerissen hatten, lächelte dann hart.

*Wegen so etwas belästigt keiner meines Volkes einen Heiler. Nur bei wirklich schweren Wunden rufen wir sie.*

Dann ließ er seine Magie fließen, versiegelte die Wunden. Entsetzt sendete Alec zu Shon, während dieser ins Wasser stieg und das Blut abwusch:

*Macht ihr das immer ? Die kleineren Wunden zu verbrennen ?*

*Natürlich. Es stillt die Blutung und die Kratzer entzünden sich nicht.*

Kopfschüttelnd sah Alec ihm zu, wie er wieder aus dem Wasser kam, das Blut sorgsam von Waffen und Rüstung brannte.

*Shon ?*

*Ja ?*

*Bitte bring mich dorthin, wo du gekämpft hast. Erzähl mir alles darüber. Ich möchte ein Lied dichten, damit es nicht vergessen wird.*

Verdutzt sah Shon den Barden an ... und nickte, zog sich wieder Rüstung und Waffen an und lief ihm voraus.

Als sie auf der Lichtung ankamen, sah Alec die Menschenleichen, die Einen durch Klingen getötet, die Anderen grauenvoll verbrannt.

"Du hast viel Erfahrung darin, Menschen zu töten, nicht wahr ?"

"Ja. In meiner Heimat greifen sie uns immer wieder an; sie stehlen die Waffen und Haare der toten Elfen, behalten sie als Trophäe. Die Menschen, die ich kenne, sind größer, stärker und brutaler als diese hier. Es war leicht, sie zu töten, auch wenn ich diese kleinen, fliegenden Speere bis jetzt noch nicht kannte."

"Das sind Pfeile. Ein guter Schütze kann damit aus großer Entfernung töten. Bei der Jagd sind sie sehr nützlich, auch um sich gegen angreifende Menschen zu wehren."

Alec setzte sich auf einen der Felsen und bat auch Shon zu sich.

"Erzähl mir von dem Kampf, sende es mir, damit ich alles verstehen kann."

Shon nickte, sendete ihm seine Erinnerungen, seine Gefühle. Doch plötzlich stockte er. Sah Alec ein wenig verwirrt an.

*Alec ... etwas verstehe ich nicht. Als ich mein Senden mit dem dieser Elfe verband, war es anders als sonst. Tiefer. Als dieser Mensch sie niederschlug, fühlte ich ihre Angst und ihren Schmerz. So sehr wie sie wollte ich bisher noch niemanden beschützen.*

Alec lächelte.

*Sende mir deine Gefühle, mein Freund.*

Verwirrt tat Shon, um was ihn Alec gebeten hatte, sah, wie dessen Lächeln sich vertiefte.

*Dein Volk kennt keine Liebe, nicht wahr ?*

*Liebe ?*

*Ja. Ein Gefühl, das zwei Elfen miteinander verbindet. Oft geht es dem Erkennen voraus.*

*Mein Volk kennt Leidenschaft und Erkennen; das, was ich für diese Elfe fühle, kenne ich nicht.*

Alec seufzte leicht. Wie sollte er das Unerklärliche erklären ? Dann lächelte er wieder; er war ein Barde. Behutsam sendete er Shon, was Liebe war, ihre Bedeutung. Mißtrauisch hörte der Krieger ihm zu. Sie unterhielten sich noch lange, auch nachdem die Sonne hinter den Baumwipfeln untergegangen war.

Plötzlich hörte Shon leise Schritte. Regungslos beobachtete er, wie Siria auf die Lichtung trat und leise aufschrie. Wie sie entsetzt auf die Leichen der Menschen blickte, auf das Blut.

Leise sendete er zu Alec, bat ihn, auf der anderen Seite der Lichtung zu warten. Alec nickte; er verstand. Dann wandte Shon sich wieder der Elfe zu, die nachdenklich bei den Menschenleichen kniete.

*Was suchst du hier ?*

Sie sah ihn verdutzt an, wie er von dem Felsen runterkam, stand auf und ging ihm entgegen.

"Ich ... ich wußte nicht, ob das alles nur ein Traum war; ich wollte Gewißheit haben."

Shon betrachtete sie, wie sie ihn musterte. Auch er betrachtete sie. Sie war ein wenig kleiner als die Kriegerinnen seines Stammes, aber wunderschön. Leise lächelte er.

"Wie heißt du ?"

"Blättersturm ... Siria. Und wer bist du ?"

Shon spürte, wie seine Leidenschaft beim Klang ihrer Stimme erwachte.

"Ich gehöre seit heute zu deinem Stamm. Ich bin Shon RoterDrache."

Sanft nahm er sie in seine Arme, beugte sich hinab und berührte mit seinen Lippen die ihren. Fühlte, wie seine Leidenschaft wuchs, als sie seine Zärtlichkeiten erwiederte.

Als er sie wieder anblickte, sah er die Verwirrung in ihren Augen; leise verhangene Leidenschaft, und ein wenig Angst.

Er hob sie zärtlich auf seine Arme, trug sie zu den Felsen, legte sie sanft in eine weiche Grasmulde. Trotz dem Begehren, das in ihm brannte, konnte er ihre schwache Furcht fühlen. Er lächelte, sendete zu ihr:

*Hab keine Angst. Auch mein Volk weiß, was Zärtlichkeit ist.*

Fühlte, wie seine Leidenschaft und sein Begehren wuchsen, als sie erleichtert sein Feuer erwiederte.

Das herrliche Gefühl, sie in seinen Armen zu halten, als sie sich später an ihn kuschelte. Ihre Bitte, es den Anderen vorerst noch nicht zu sagen; seine Erleichterung darüber, da er noch neu im Hain war.

Dann sah er Siria ernst an und erzählte ihr, daß Alec es schon wußte, weil er zusammen mit ihm hierher gekommen war; daß er dem Barden das Versprechen abgenommen hatte, niemandem davon zu erzählen.

Als sie damals wieder zum Hain gegangen war, hatte er noch lange mit Alec über den Kampf geredet ... und über die Gefühle, die er dieser Elfe gegenüber empfand.

Verwundert sah, fühlte und hörte Siria die ihr so gut bekannten Ereignisse aus seiner Sicht. Nun konnte sie vieles besser verstehen. Die Bilder überlagerten sich, wurden undeutlich; sie sah die zwei Monde, die sie einander jetzt kannten, all das, was sie geteilt hatten, nur mit seinen Augen.

Die zwiespältigen Gefühle, die an ihm fraßen: Zum Einen die Unabhängigkeit, die er von den Kriegerinnen der Echsenreiter her kannte und auch ihr bedingungslos zugestand; zum Anderen die ihm völlig neuen Gefühle, die seinen Beschützerinstinkt mehr als je zuvor weckten, da sie kostbar für ihn war, er sie nicht verlieren wollte. Ein Konflikt, der ihn langsam auffraß; schloß er doch völlige Offenheit, das Preisgeben seines Schmerzes, aus.

Wieder erlebte sie ihren letzten Streit, das Bild, das er ihr gesendet hatte. Wie sie beide in Alecs und Airilynns Nest saßen, darüber redeten, ihren Neuanfang miteinander.

Langsam, leise, erhob Siria sich, verschloß ihre Seele vor dem Schweigen, das nunmehr folgte. Ging leise weg, um sich in der Nähe auf einen Baumstumpf zu setzen und nachzudenken.

Gerade, als sie sich ein wenig entspannt hatte, hörte sie leise, vertraute Schritte. Zögernd blickte sie Alec entgegen, der auf sie zutrat.

**Du wußtest, daß ich euch zuhöre ?**

**Ja. Es war der Wunsch des Alten, daß du das alles erfährst; er sorgt sich um euch.**

Ein leises Seufzen, Sirias Frage.

**Ist Shon auch mitgekommen ?**

Alec lächelte.

**Nein. Die Beiden sind noch immer auf der Lichtung. Sie senden zueinander, führen die Heilung zu Ende, die sie mit meiner Hilfe angefangen haben.**

Verwundert sah sie ihn an ... und wartete dann gemeinsam mit ihm, in sein warmes Cape gehüllt. Sie betrachtete Mutter Mond und das Mondkind, dachte über das gerade Erlebte nach.

Als der Sänger sie sanft weckte, waren beide Monde schon untergegangen, die Dämmerung nicht mehr fern.

**Komm ... und sieh.**

Leise folgte sie Alec zurück zur Lichtung, hörte, wie er sich wieder entfernte und versteckte sich abermals in der Mulde, in der sie auch vorher gelegen hatte.

Sah zu Shon, der, die Hände auf der Harfe ruhend, noch immer sendete. Dann langsam die Augen öffnete, die Hände von der Harfe nahm, und aufstand. Die sanfte Berührung, als die Seele des Alten die ihre streifte. Wie Shon seine Rüstung und die Kleidung auszog, zu den Felsen legte.

Atemlos verfolgte Siria, wie sich die ersten Sonnenstrahlen an seinem Körper brachen ... und sie gleichzeitig eine andere Gestalt mit ihrem geistigen Auge wahrnahm, die, langsam klarer und deutlicher werdend, neben der Harfe schwebte.

Fassungslos sah Siria die Seele des Alten, Shons Ahnen. Wie Beide sich glichen, einzig in Größe und Kraft verschieden. Das Lächeln, das Beide sich schenkten, als Shon zum Felsen ging und seine beiden Langschwerter zog; die langen Krummschwerter, die Xanyan plötzlich in seinen Händen hielt. Wie sie ihre Augen schlossen und begannen, sich in völligem Einklang mit ihren Waffen zu bewegen.

Bewunderung spiegelte sich leicht in ihren Zügen; Shon hatte das Erlernen dieses Wissens nur kurz beschrieben und nun sah sie es zum ersten Mal so, wie es wirklich war.

Die vollkommene Einfachheit, mit der Beide ihre Klingen führten, der Gleichklang, in dem Beide ihre Waffen langsam zu Abwehr oder Angriff hoben und senkten. Den Schweiß, der im stärker werdenden Sonnenlicht auf den bis zum Äußersten beanspruchten Muskeln schimmerte; Tödlichkeit, deren Schönheit ihr den Atem raubte.

Und dann sah Siria, wie langsam Tränen aus den geschlossenen Augen der Krieger flossen; Tränen, die den Schmerz wegwuschen, den Beide so lange in sich vergraben hatten.

Schließlich, als die Sonne über die Wipfel gestiegen war und Beide in ihr goldenes Licht tauchte, verlangsamten sich ihre Bewegungen, hörten auf. Sie sahen sich an und nickten ernst; Shon ging zu dem Stein, schob die Klingen zurück in ihre Scheiden und holte dann einen dunklen Beutel hervor, den Siria nur zu gut kannte.

Sie sah zu, wie Shon langsam das Gewand hervorholte, das er bei seiner Weihe getragen hatte, es anzog. Als er mit dem Zahn in der Hand wieder zu Xanyan zurückging, verblaßte dessen Bild kurz, um gleich darauf wieder schärfer zu werden: Auch er trug ein solches Gewand, das dem Shons bis auf die Armschoner glich: Die Seinen waren aus rotbraunem Leder gefertigt, an den Außennähten mit seltsamen Schnäbeln verziert; und auch er hielt einen solchen blutbedeckten Zahn in seinen Händen.

Sie sahen sich in die Augen, als Shon leise sprach:

"Xanyan; Alter, Begründer meines Stammes und mein Ahne; ich weihe mein Leben dem Schutz meines Volkes, der Elfen."

Wie der Alte nickte und leise die Antwort sendete:

*So weihe dich mit deinem Blut, Krieger, so wie auch ich es tue.*

Entsetzen spiegelte sich in Sirias Gesicht, als sie mitansah, wie Beide die mit altem Blut bedeckten Zähne hoben und sich die langen Narben wieder aufrissen, das frische Blut auf das Alte tropfen ließen.

Wie sie einander stolz in die Augen sahen, das Leuchten ihrer Feuermagie, als sie die frischen Wunden verschlossen. Shons Ernst, als er den Alten ansah und sprach:

"Mein Ahne; gebt mir meinen Namen."

Das stolze Lächeln, das die Züge Xanyans erhellte, als er antwortete:

*Zweifach bist du mit einer roten Echse geehrt worden, zweifach hast du dir die Ehre deines Namens verdient. Dein Name ist Shon RoterDrache.*

Beide lächelten einander an ... und Siria verstand, als sie die langsam verblassende Gestalt des Alten ansah. So entsetzlich grausam und blutig dieses Ritual auch war, für Beide bedeutete es einen Neuanfang, das Versiegen des Schmerzes, das langsame Bewältigen ihrer Schuld.

Leise seufzte Siria ... und wünschte sich im selben Moment, sie hätte es nicht getan, denn das Bild des Alten schwand nun völlig, wie auch seine Verbindung zu ihrer Seele, und Shon wandte sich ihr zu.

Sie bereitete sich schon auf einen Wutausbruch vor ... und sah verdutzt, wie er leise lächelte und zu ihr kam, sie wortlos in seine Arme zog.

Sie spürte sein Verlangen, als er sie hochhob und zu der Grasmulde trug, in der sie sich das erste Mal vereint hatten. Lächelnd sah sie in seine brennenden Augen, berührte ihn mit einem ebenso großen Verlangen.

Als sie sich später an ihn kuschelte, fühlte Siria, daß Shon zum allerersten Mal vollkommen entspannt war. Als sie ihm in die Augen sah, erblickte sie darin eine Zufriedenheit, die nicht nur ihrer beider Vereinigung entsprang. Der Panzer, den er immer um seine Gefühle gelegt hatte, war Stärke und Akzeptanz gewichen.

Lange sah sie ihn an, dachte darüber nach, als plötzlich ein Lächeln über seine Züge huschte, in seinen Augen blieb.

**Worüber denkst du nach ?**

Sie sah ihn an.

**Ich ... der Alte hat mich hergerufen; durch ihn habe ich alles gehört und gesehen.**

**Ich weiß. Er hat es mir gesagt.**

Wieder betrachtete sie ihn, hin- und hergerissen. Dann gab sie sich einen Ruck und sendete zögernd:

**Shon ...**

**Ja ?**

**Erinnerst du dich noch an den Menschen mit dem Dolch ?**

Sie sah, wie er kurz die Augen schloß, nickte. Als sein Körper weiterhin entspannt blieb, sendete Siria weiter.

**Es ist mein Dolch.**

**Wie ist das geschehen ?**

Neugierde, ein klein wenig Sorge schwangen in der Frage mit.

**Es war kurz, bevor mein Vater verschwand. Ich habe die Wunden eines jungen Flußfischers, der von einem Keiler verletzt wurde, verbunden, und ihn zum Fluß zurückgebracht. Kurz, bevor er dann auf die andere Seite schwamm, habe ich ihm meinen Dolch gegeben, damit er sich wehren könnte, wenn ihn wieder ein Keiler angreifen sollte.**

Siria schmunzelte.

**Sie haben den Dolch niemals für die Jagd benutzt. Sie geben ihn alle paar Sommer einem neuen jungen Flußfischer, veranstalten dabei immer ein großes Fest. Und dieser junge Mensch kommt dann über den Fluß, setzt sich am Rand in den Wald und wartet, den ganzen Tag und auch die Nacht; auf was, weiß ich nicht. Der junge Mensch, den ich vor dir beschützt habe, war einer von ihnen.

Ich mag die Flußfischer, sie sind so friedlich; sie wehren sich nicht einmal gegen ihresgleichen.**

Sie sah, wie er leicht die Stirn runzelte, nachdachte.

**Und die Menschen, die ihr Barbaren nennt ?**

Ein entsetztes Aufkeuchen.

**Nein ! Niemals. Sie sind so grausam und brutal ... sie haben so viele der Schattentänzer getötet; beinahe auch mich.**

Leise erschauerte sie, die Erinnerungen waren noch frisch. Fühlte seine Hand, als er ihr das kurze Haar aus der Stirn strich, sah sein ernstes Gesicht.

**Ich verstehe es zwar nicht, aber ich kann es akzeptieren; es ist deine besondere Art. Ich bitte dich nur um Eines: Schließ mich nicht aus.**

Sie spürte den Ernst in seinem Senden. Dachte nach, nickte. Dann lächelte er, beugte sich über sie und biß sie zärtlich in den Hals.

Plötzlich erstarrte er; Siria konnte die altbekannte Wachsamkeit spüren, die sich aber gleich wieder lockerte. Seine leise Frage:

**Hunger ?**

Verdutzt nickte sie und sah ihm zu, wie er aufstand, sich anzog und im Wald verschwand.

Kopfschüttelnd stand auch sie auf und zog sich an. Zum Glück hatte sie ihren Feuerstein mitgenommen. Sorgsam sammelte sie trockene Äste, entfachte schnell und gekonnt ein kleines, rauccharmes Feuer als Shon zurückkam, einen jungen Grunzer unter dem Arm tragend. Er legte ihn neben das Feuer, zog seine Rüstung wieder aus.

Leicht die Stirn runzelnd, betrachtete sie den kleinen Grunzer. Irgendetwas war anders als sonst. Dann sah sie es: Im Genick des Tieres steckte noch immer Shons Dolch; und er war nicht ausgeblutet, so wie die andere Beute, die er sonst brachte.

Shon setzte sich leise neben sie und sie sah, wie sein Blick weicher wurde. Hörte seine Bitte in ihrer Seele:

**Teile es mit mir, Siria.**

Entsetzt sah sie ihn an, holte tief Luft. Sie sollte Blut trinken ? Vorsichtig erwiderte sie:

**Bei mir wirkt es nicht so wie bei dir. Es ist völlig anders.**

**Ich weiß. Teile es mit mir, Siria.**

Schaudernd blickte sie auf das Tier.

**Ich weiß nicht, ob ich das kann.**

Dann sah sie wieder zu ihm, hörte sein erneutes Senden.

**Teile es mit mir, S'rey.**

Sie hatte dieses Wort bisher nur einmal gehört, im Senden des Alten; aber dennoch wußte sie, was es bedeutet: Geliebte.

Sie sah wieder zu dem Tier, hin- und hergerissen zwischen seiner Bitte und ihrer Furcht.

Schließlich seufzte sie leise, nickte.

Sah sein Lächeln, als er gekonnt mit dem Dolch ein wenig seitlich schnitt, das herauslaufende Blut mit der Hand auffangend. Dann verband er sein Senden mit dem ihren, als er langsam trank.

Und fast sofort fühlte Siria Shons Empfindungen: Wie er die Süße des Blutes kostete, die Kraft, die in ihm erwachte, ebenso wie seine Sinne. Als er seine Hand wieder füllte und ihr an die Lippen hielt, trank auch sie ... und da ihrer beider Senden noch immer verbunden waren, fühlte sie ebenso die berauschende Wirkung.

Und dennoch ... anstatt wie sonst auch seine Kampfbereitschaft stärkend, fühlte sie, wie etwas Anderes in ihm und auch ihr erwachte.

Ohne nachzudenken, umfaßte sie sein Gesicht mit den Händen, zog seinen Kopf zu sich herunter, verschloß feurig seine Lippen mit den Ihren. Fühlte seine heißen Hände, die ihre Kleider lösten. Ihre eigene Ungeduld, als sie ihm die Seinen auszog.

Als sie sich diesmal vereinten, loderte die Leidenschaft wie Feuer durch ihre Adern, ließ sie Einander so erleben wie nie zuvor.

Als sie sich schließlich wieder voneinander lösten, sendete Siria zu ihm:

**Du hast gewußt, daß das passieren würde.**

**Ja. Ich habe es mit keiner Elfe zuvor geteilt, erst jetzt mit dir.**

Verschmitzt lächelte Siria ihn an, schmiegte sich kurz an ihn, bevor sie sich aufsetzte und ihr Blick ernst wurde.

**Ich danke dir dafür.**

Shon nickte, glättete zärtlich mit den Fingern ihr wirres Haar.

Eine kurze, liebevolle Umarmung, bevor beide aufstanden und sich wieder anzogen.

Während Siria das Feuer löschte, sah sie wieder auf den kleinen Grunzer.

"Mutter und Airilynn werden sich freuen. Wir hatten schon lange keinen guten Braten mehr."

Leise lächelnd sah Shon ihr nach, wie sie winkend zurück zum Hain lief, den kleinen Grunzer haltend, bevor er seine Rüstung anzog und dann seine Schwerter ansah. Schließlich nickte er, legte sich die Rückenscheiden um und die Armschienen seines Vaters zu seinem Gewand in den Beutel.

Als er schließlich ebenfalls zum Hain ging, blickten ihm zwei Augenpaare warm lächelnd nach. Graugrüne trafen rotschimmernde Schwarze, als Alec lächelnd die durchscheinende Seele des Alten anblickte, der neben der Harfe schwebte.

**Ihr hattet recht, Herr. Es war gut, sie herzurufen.**

Xanyans Lächeln vertiefte sich, als Alecs Finger sanft über die Saiten der Harfe strichen, zarte Töne die Morgensonne begrüßten.

**Es ist nicht leicht, die Veränderungen, zu akzeptieren, die uns formten. Ich bin glücklich, daß ich an Shon einen Teil meiner Schuld abtragen kann. Er liebt diese junge Elfe, so wie sie ihn liebt. Sie haben es nur sehr schwer miteinander. Ich hoffe, daß wir den Beiden etwas geholfen haben.**

**So wie sie Euch halfen, nicht wahr, Herr ?**

Lachend erwiderte der Alte Alecs Blick.

**Falcon hat dich viel gelehrt, Sänger, so wie du selbst. Du bist weiser, als es deine Jugend erwarten ließe.**

Alec lächelte; sein Wissen war ein Segen, der manchmal auch ein Fluch sein konnte. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

**Die Beiden sind wie Wasser und Feuer.**

Xanyan nickte.

**Ja. Aber anders als meine Riryu, die eher einer sanften Quelle glich, ähnelt Siria einem Wildbach: Manchmal sanft plätschernd, dann wiederum wie eine tosende Stromschnelle. Sie werden zueinander finden, aber es wird sie Beide noch viel Kraft kosten.**

Alec nickte zustimmend, sah zu, wie das Bild des Alten langsam verblaßte.

Leise perlten die Töne der Harfe durch die Blätter, so klar und rein wie eine frische Quelle.

 

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