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”Minstrels Tales: Himmelsschlangen”
 

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Von BlackBolt und Jessica Schmitz

Wieder einmal regnete es, der Himmel war von dunklen Wolken verhangen; Stürme fegten durch die Bäume des Hains, grellweiße Blitze erhellten die abendliche Dunkelheit. In dem geräumigen Wurzelnest war zufriedene Ruhe eingekehrt, nachdem Airilynn und Alec den behutsam gegarten Fisch gegessen hatten, den Shon gefangen hatte. Auch Ayola war zu diesem Festessen eingeladen worden; schläfrig schmiegte sie sich jetzt in die Arme des Kriegers, kuschelte sich mit ihm in seine Schlaffelle.

Auch Sonnenlanze lehnte sich wohlig an Alecs Schulter, spielte mit einer Locke, die sich aus seinem Schopf gelöst hatte. Jeder seinen Gedanken nachhängend, genossen sie diesen ruhigen Augenblick in den Fellen, bis Airilynn leise flüsterte:

"Sing uns etwas, Geliebter."

Strahlend blickte auch Ayola auf den Barden, dessen graugrüne Augen zu glänzen anfingen.

"Bitte, Alec ! Du kennst so viele Geschichten, die ich noch nicht gehört habe !"

Leise fügte sie mit einem glitzernden Blick auf Shon hinzu: "Außerdem möchte ich noch nicht gehen."

Singvogel lächelte. Dann fragte er leise: "Und was soll ich euch erzählen ?"

Ebenfalls lächelnd stupste ihn Sonnenlanze sanft in die Seite.

"Erzähl uns etwas über tiefe Gefühle..."

Begeistert fügte Blättersturm hinzu: "Und über Menschen !"

Shon schnaubte nur kurz und erwiderte dann:

"Ich möchte lieber ein Lied über einen guten Kampf hören."

Mißbilligende Blicke der Elfinnen trafen ihn, aber er grinste nur. Leise nahm Alec seine Harfe aus der Hülle, begann sanft die Saiten zu berühren.

"Ich kenne ein Lied, das euch allen gefallen wird, denn es handelt von All dem, das ihr euch gewünscht habt."

Gebannt blickten ihn drei Augenpaare an. Der Sänger legte vorsichtig die Harfe zur Seite, griff in die Harfentasche und holte aus einer der Seitenfächer einen kleinen Lederbeutel hervor. Behutsam öffnete er ihn, nahm eine zusammengefaltete Tierhaut heraus, legte sie behutsam zwischen sich und die anderen Elfen, und entfaltete sie sorgsam. Verwundert blickten die Anderen auf hauchdünne, weiße Blütenblätter, die selbst getrocknet noch ihre Farbe behalten hatten. Leise sagte Ayola:

"Das sind Rosenblüten ... aber ich habe noch nie Weiße gesehen ! Und der Rand ... sie sehen so aus, als ob die ganze Blüte leicht in Blut getaucht wurde."

Sie schloß die Augen, sog tief die Luft ein.

"Und sie duften noch immer ... schwach, aber ich kann es riechen."

Alec lächelte und hob die Blütenblätter behutsam in eine Schale, die er beiseite stellte, öffnete das Leder ganz. Verwundert blickten die Anderen auf die alte Tierhaut: Sie war bemalt ... zwei Schlangen, eine Weiße mit einem dunkelroten Kamm und Augen und eine Schwarze, deren Kamm und Augen in feurigem Gelb leuchteten, bildeten ineinanderverschlungen einen Kreis, die Köpfe einander zugewandt. Einfache, aber gerade deshalb kunstvolle Zeichnungen.

"Haben Menschen das gemalt ?"

"Ja, Ayola. Der Schamane eines sehr großen, in viele Sippen getrennten Stammes, ein begnadeter Künstler, hat mir dies geschenkt. Es ist der Zwilling eines viel größeren Bildes, das in eine Höhle gezeichnet wurde. Er gab es mir, zusammen mit diesen Blütenblättern, denn es ist das Bild ihrer Schöpfungsgeschichte."

Neugierig folgten ihm ihre Blicke, als er seine Harfe wieder aufnahm, die Augen schloß. Leise Klänge, die behutsam eine vergangene Welt formten. Seine Stimme, die der sachten Melodie folgte, allmählich stärker wurde, Worte, die langsam eine Geschichte erzählten.

"Eine fremde Welt, jung, anders, als wir sie kennen. Erde und Fels, gequält von mächtigen, gehörnten Erddämonen, die sie aufrissen und zerbrachen, das Antlitz dieser Welt in immer neue Formen zwangen. Der Himmel, beherrscht von gottgleichen, riesigen Schlangen, deren Kämme die Lüfte zerschnitten. Beides machtvolle Wesen, Gut und Böse, die Einander bekämpften und töteten, denn sie waren Todfeinde. Spärliches, fremdartiges Leben, das versuchte, Fuß zu fassen, trotz dieser Kämpfe. Ein Krieg, der schon Äonen währte und ohne Ende schien. Der Haß, den die gehörnten Dämonen den gottgleichen Schlangen entgegenbrachten, ihr Verlangen, auch den Himmel zu beherrschen, alles Leben außer dem Ihren zu zerstören.

Und so kam es, daß der mächtigste und grausamste der Erddämonen, der Namenlose, sein Heer um sich scharte, um diesen Krieg zu entscheiden. Das Volk der Himmelsschlangen, das nun geeint unter der Führung ihres Stärksten, Ruag, gegen das Heer der Dämonen kämpfte; eine Schlacht, die grausamer und blutiger war als der ganze Krieg. Entfesselte Mächte, die Erde und Himmel zerrissen, in ihrer Kraft alles Leben auslöschten. Himmelsschlangen und Erddämonen, die fielen, selbst sterbend noch kämpfend. Eine Schlacht, so gewaltig, daß Kontinente in dem Blut der Rivalen versanken, Berge unter den Gefallenen begraben wurden. Grausamkeit und Wahnsinn, da Erddämonen und Himmelsschlangen einander ebenbürtig waren. Die Schlacht währte lange; so lange, daß die Kämpfenden vergaßen, weshalb sie kämpften. Nur das Töten beherrschte all ihre Sinne, steuerte ihr Tun während all dieser Zeit.

Und dann, eines Morgens, ging die Ewige Schlacht ihrem Ende zu. Nur noch ein lebendes Wesen wurde von den Strahlen der aufgehenden Sonne begrüßt, eine Himmelsschlange. Aus unzähligen Wunden blutend, sah Ruag, der mächtigste der Himmelsschlangen, auf den toten Dämonenkönig herab, der unzählige seiner Schlangengeschwister getötet hatte, so wie er selbst die Soldaten des Namenlosen. Nur seine Macht über Donner und Himmelsfeuer, Sturm und Wasser war stark genug gewesen, Hitze und Feuer, die der mächtigste der Erddämonen ihm entgegengeworfen hatte, zu besiegen.

Erschöpft blickte Ruag auf das Schlachtfeld, erhob sich in die Lüfte. Sonnenstrahlen brachen sich an den schwarzschillernden Schuppen, sein feuergelber Kamm durchschnitt die Wolken, als er in der Einöde, die dieser Krieg geschaffen hatte, einen Ruheplatz suchte. Am Ende seiner Kräfte, erblickte er schließlich eine Schlucht, die Schatten bot; in ihr ließ er sich nieder. Und bevor die Erschöpfung ihren Tribut forderte, sah Ruag etwas, das er niemals erwartet hätte: Hier, im Schutz der hohen Felsen, stand ein Dornbusch, vertrocknet und tot. Dieses letzte Bild vor Augen, schloß er sie, während das Blut aus seinen unzähligen Wunden floß und die Erde tränkte.

Tage und Nächte verstrichen, während die Himmelsschlange schlief, seine Wunden heilten. Dann, als er seine Augen wieder aufschlug, erblickte Ruag etwas völlig Unerwartetes: Durch sein Blut getränkt, war der Dornbusch zum Leben erwacht: Saftige, grüne Blätter, die zwischen den Dornen wuchsen ... und Blüten, von reinstem Weiß; nur deren Rand war von der Farbe seines Blutes, als ob der Dornenbusch wußte, wer ihm das Leben gerettet hatte. Verwundert sah er auf diese schlichte, einfache Schönheit, roch den Duft der zerbrechlichen Blüten. Aber Ruag sah auch, daß dieses Wunder sterben würde, denn seine Wunden waren verheilt, der Blutstrom versiegt. Mitleid durchflutete sein Herz, das durch den endlosen Kampf hart geworden war, Mitleid mit dem letzten Leben, das außer ihm existierte. Und so spaltete er den Fels neben dem blühenden Dornbusch mit einem Blitz, so tief, daß eine Quelle hervorsprudelte und die blühende Dornenhecke benetzte.

Und als Ruag sein Werk betrachtete, geschah ein Wunder: Die blühenden Dornen öffneten sich und Ruag blickte auf ein Himmelsschlangenweibchen, so weiß wie die zarten Blüten; ihr Kamm und ihre Augen, die in die Seinen blickten, waren so rot wie das Blut, das er vergossen hatte. Tiefe Liebe entflammte zwischen ihnen, als sie sich, einander umschlingend, in die Lüfte erhoben.

Neues Leben, das dem Schoß der weißen Himmelsschlange entsprang, da in ihr die Macht über Erde und Feuer wohnte. So schuf ihre Liebe die Pflanzen, Tiere und Menschen, die Meere, Wälder und Wüsten, ließ sie sterben, um wiederzuerstehen.

Neues Leben, Sanftmut und Mitleid, Feuer und die Erde selbst, die Ryath, die Weiße, verkörperte; der Tod, Härte und Kampf, Wind, Wasser und Himmelsfeuer, für das Ruag, der Schwarze, stand.

Leben und Tod, Erde und Himmel, neues Leben, das starb und wiederauferstand, ein ewiger Kreis des Lebens, geschaffen und verbunden durch Liebe."

Sanft erstarb seine Stimme, strichen die Finger des Sängers über die goldenglitzernden Saiten, fingen das Licht der Talgkerzen, um es hundertfach gebrochen mit den sachten Tönen zu vereinen, deren Spiel das Bild der Himmelsschlangen scheinbar zum Leben erweckte.

Langsam wurden die perlenden Töne leiser, verstummten die Saiten, der Schein der Kerzen beruhigte sich, legte sich sanft auf die entrückten Gesichter der Elfen. Sie alle kannten die Wirkung von Alecs Stimme gut; doch solch lebendige, eindringliche Bilder hatten sie bisher nur selten erlebt. Sanft legte der Sänger die Harfe beiseite, nahm die Schale mit den Blütenblättern auf. Airilynn schmiegte sich an seine Seite, flüsterte leise:

"Sie duften so ... als ob dein Lied es verstärkt hätte."

"Ja, das stimmt. Diese Menschen verehren die Rosen, nicht wahr ?"

Alec nickte, sah Ayola an.

"Ja, das tun sie. Sie sehen in dieser Rose den Kreis des Lebens: Dornen, wie tot im Winter; und doch treiben sie im Frühjahr und tragen solch reine, zerbrechliche Blüten. Alle ihre Rituale feiern sie, wenn diese Blüten sich öffnen, sei es die Segnung eines Paares oder Kindes oder die Trauer um den Verlust eines Verstorbenen."

Fasziniert sah Ayola auf die schlichte Zeichnung, die das Leder zierte.

"So wunderschön ..."

Ein Seufzen, in dem leichte Bewunderung mitschwang.

Leise lächelnd beobachtete Alec, wie Ayola in Shons Armen einschlief, auch der Krieger die Augen schloß. Die ebenfalls eingenickte Airilynn vorsichtig auf ihre Felle legend, stand Singvogel leise auf und legte die Blüten behutsam in das Leder, faltete es vorsichtig zusammen und verstaute den Beutel in der Harfentasche. Zufrieden blickte er in die lächelnden Gesichter der beiden Elfinnen und Shons, löschte leise die Kerzen und legte sich zu seiner Geliebten.

 

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